Am 4. März 1713 empfing Amalia Hedwig von Leiningen mit bangem Herzen eine ungewöhnliche Gruppe von Besuchern in ihrem Hause in der Probstei in Herrenberg. Bei der Frau des Obervogtes hatte sich eine vierköpfige herzogliche Commission zum Verhör angekündigt. Es waren der Hofprediger Andreas Adam Hochstetter, Oberrat Burkhart Bardili, der Professor der Theologie Johann Ulrich Fromman und als Protokollant der Sekretarius Pregitzer. Man verdächtigte die Obervögtin die Urheberin zweier aufrührerischer Schriften zu sein, die im Jahr zuvor anonym erschienen und in Württemberg unerlaubt verbreitet worden waren. Es waren theologische Schriften, deren Inhalt radikal von der lutherisch-orthodoxen Lehre abwich.
Amalia Hedwig von Leiningen war schnell in den Kreis der Verdächtigen geraten. Die Obervögtin war in der Region eine bekannte Anhängerin des Pietismus und eine bekennende Separatistin: Man wusste von ihr, dass sie die Autorität der Amtskirche infrage stellte und sich nur einer Obrigkeit verpflichtet sah, nämlich der göttlichen.
Die Kommission war vom Herzog entsandt worden, um den religiösen Abspaltungstendenzen, die in Württemberg um sich griffen, gegenzusteuern. Calw und Herrenberg schienen dabei eine zentrale Rolle zu spielen.
Der frühe Pietismus war eine religiöse Reformbewegung, die sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts zunehmend ausbreitete. Ein großer Teil der Anhänger dieser vielgestaltigen Bewegung verblieb innerhalb der Amtskirche. Aber es gab auch die frommen Radikalen, die sich unter Berufung auf den wahren Glauben gegen die kirchliche und weltliche Obrigkeit stellten. Den inkriminierten Schriften, die man in Herrenberg der Obervögtin vorlegte, maß man bei der Ausbreitung ketzerischer Ideen eine Schlüsselfunktion zu.
Als man Amalia von Leiningen damit konfrontierte, gab sie unumwunden zu, die Schriften verfasst zu haben – und sie war nicht bereit, die Inhalte zu widerrufen. Sie beharrte darauf, die Kirche sei „eine Hur, die Christo, ihrem Mann, untreu geworden“ sei. Die heiligen Sakramente gebrauche die Kirche nicht im Sinne Christi, denn ein wahrer Christ habe die äußerliche Taufe und das Abendmahl nicht nötig, sondern könne „inwendig in seiner Seele mit dem Wasser des Geistes täglich getauft werden“.Gemäß ihrer Schriften verdammte sie die Priesterschaft, die in der Kirche für die kriegsführenden Fürsten Fürbitten abhielten und Siegesfeiern zelebrierten. Damit, so wetterte sie, unterstützten die Pfarrer die Mächtigen der Welt, die ihre Untertanen wie Kälber zur Schlachtbank führten, um des Geldes, der Lust, der Pracht und der Hoffart willen.
Leiningens Hauptschrift mit dem Titel „Das große Geheimnis der Offenbarung Jesu Christi in uns“ war eine Auslegung der Johannesapokalypse. Das letzte Buch der Bibel war von Luther wegen seiner schwer zu entschlüsselnden Bildsprache aus dem Predigtkanon genommen worden. In pietistischen Zirkeln avancierte es gerade wegen seines spekulativen Charakters zu einer zentralen Schrift. Johannes erzählt darin in Traumbildern von den letzten Dingen: von der Wiederkunft des Herrn, vom Kampf gegen den Antichristen, von der Errichtung des Tausendjährigen Reichs, vom Ende aller Zeiten an dem Gott die Getreuen um sich versammelt. Wie ihre frommen Mitstreiter war Amalia von Leiningen überzeugt davon, in einer Endzeit zu leben und wartete auf die Wiederkunft des Herrn, so wie sie in den Evangelien und der Apokalypse prophezeit wurde.