Thailfingen, Gemeinde III. Klasse mit 672 evang. Einw., – Ev Pfarrei mit dem Filial-Ort Nebringen
Der nicht große, beinahe ein Dreieck bildende Ort liegt 5/4 Stunden südlich von Herrenberg auf einem ziemlich schmalen Bergrückenausläufer, der gegen Norden steil gegen das Thal des Thürnengrabens, gegen Süden aber mit mäßiger Neigung abfällt; daher das Dorf, von der nördlichen Seite gesehen, namhaft hoch gelegen erscheint und eine freundliche, malerische Ansicht gewährt. … Der Ort selbst besteht mit Ausnahme einiger wohlhäbig aussehenden Bauernwohnungen aus meist alten, minder ansehnlichen Häusern. … Die ziemlich reinlich gehaltenen Ortsstraßen sind nicht gekandelt, ebenso sind die Düngerstätten noch nach alter Weise angelegt, jedoch durchgängig mit Gülleneinrichtungen versehen. Beinahe in der Mitte des Orts steht die 1469 in einfachem germanischen Styl erbaute Pfarrkirche, welche übrigens in den Jahren 1699 und 1817 stylwidrige Veränderungen erlitten hat. (…)
Zunächst der Kirche steht das ansehnliche, von der k. Hofdomänenkammer zu erhaltende Pfarrhaus, welches 1614 von Heinrich Schickhardt erbaut wurde. Das zugleich die Lehrerwohnung enthaltende Schulhaus wurde in den letzen zwanzig Jahren namhaft verändert und verbessert; an der Volksschule ist ein Schulmeister mit einem Lehrgehülfen eingestellt, auch besteht seit 1850 eine Industrieschule mit gutem Erfolg unter Mitwirkung der Gattin des dermaligen Pfarrers Dürr. Das Rathhaus ist alt unansehnlich und einer Reparatur sehr bedürftig. Ein Gemeindebackhaus wurde vor zehn Jahren errichtet, und ein öffentliches Waschhaus besteht schon längst; zwei Zehentscheuern, von denen die eine der Hofdomänenkammer, die andere dem Spital in Tübingen gehörte, sind im Jahre 1850 in Folge der Zehentablösung an einige Ortsbürger verkauft worden.
Ein laufender und sieben Pump- und Ziehbrunnen liefern das ganze Jahr hindurch vortreffliches Trinkwasser; auf den Fall von Feuersgefahr sind zwei Wetten angelegt. (…)
Die Einwohner sind im Allgemeinen ein wohl gebauter, kräftiger Menschenschlag, und verbinden mit großem Fleiß viel Sparsamkeit und Religiosität, die übrigens nicht selten in einen strengen Pietismus übergeht. Ihre Vermögensumstände sind sehr erfreulich und geordnet, so dass seit vierzig Jahren nicht ein einziger Gant in der Gemeinde vorkam; Das Grundeigentum des vermöglichsten Güterbesitzers beträgt 120 Morgen Aecker und 10 Morgen Wiesen.
Die klimatischen und Bodenverhältnisse sind äußerst günstig; die Luft ist rein und mild, und die mittelgroße, meist ebene, nur von einigen Thälchen durchzogene Markung,…, hat durchgängig einen sehr fruchtbaren, tiefgründigen, aus Diluviallehm bestehenden Boden, so daß ohne besonders starke Düngung alle Feldfrüchte, Obst, Bohnen, Gurken etc. vorzüglich gedeihen. (…) Unter den angeführten örtlichen Verhältnissen hat sich die Landwirtschaft auf eine blühende Stufe erhoben, auch haben zweckmäßige landwirthschaftliche Neuerungen, …, Eingang gefunden. (…)
Nach der Dreifeldereintheilung baut man hauptsächlich Dinkel und wenig Roggen, sodann Hafer, Gerste, Wicken, unter dem Hafer werden häufig Ackerbohnen und unter der Gerste Linsen gezogen. In der zu 1/4 angeblümten Brache zieht man Kartoffeln, Futterkräuter, besonders rothen Klee, etwas Ackerbohnen, Kohlraben, Kraut, ziemlich viel Reps und Hanf, letzteren übrigens meist in eigenen Ländern. … Die noch im Zunehmen begriffene Obstzucht beschäftigt sich nicht nur mit Mostsorten, sondern auch mit Tafelobst; (…)
Von Gewerben im Ort sind nur vier Schildwirtschaften und zwei Kramläden zu nennen.
Außer zwei Muschelkalksteinbrüchen, welche Straßenmaterial liefern, sind noch zwei Lehmgruben vorhanden. (…)
Der Ortsname ist abzuleiten von dem altdeutschen Mannsnamen Tagolf, Dagolf. Seine erstmalige Nennung fällt ins Jahr 1120.(…) Im Jahre 1267 erscheint als Ortsadeliger Otto von „Talvingen“, welcher … hiesige Güter an das Kloster Bebenhausen verkaufte. (…) Württemberg kam nach und nach in den Besitz des Dorfes. (…) Das Dorf wurde dem Amte Herrenberg zugeteilt. (…) Im Mai 1672 und im März 1682 ward das Dorf durch schweres Brandunglück heimgesucht.