Forstmann und Ehrenbürger von Weil im Schönbuch

Maximilian von Biberstein

Max von Biberstein (1848-1913) und seine erste Frau Pauline (1854-1904), geb. Feuerbach, sind in Weil im Schönbuch heute noch hochgeehrte Persönlichkeiten. Durch eine Reihe von Stiftungen hat sich das Paar um den Ort sehr verdient gemacht. Biberstein war zudem ein bedeutender, modern denkender Forstmann, der den Schönbuch zu einem gesunden, ertragreichen Forst ausbauen wollte.

Autor: Dr. Gerhard Betsch

Die Familie Biberstein ist möglicherweise mit der Adelsfamilie Marschall von Bieberstein entfernt verwandt. Eine Herkunft von Burg Bieberstein in der Markgrafschaft Meissen oder Burg Biberstein im Aargau ist jedoch nicht belegt.

Seit dem 18. Jahrhundert stellte die Familie Biberstein evangelische Pfarrer in Württemberg. Auch der bedeutende Forstmann Maximilian (Max) von Biberstein wollte ursprünglich Pfarrer werden. Sein Großvater, der Offizier Peter Biberstein, war 1806 von König Friedrich von Württemberg in den Adelsstand erhoben worden und wohnte zuletzt als Oberst a.D. in Stuttgart. Peters Sohn Wilhelm Max Theodor von Biberstein (1817 – 1907) war Theologe. Seine Berufslaufbahn begann er als Hauslehrer bei den Fürsten von  Hohenlohe-Langenburg. 1846 wurde er Pfarrer im Weinort Belsenberg (heute: Künzelsau-Belsenberg), 1864 Dekan in Künzelsau. Schließlich war er 1872 – 1896 Dekan von Ravensburg. 1847 heiratete er seine Frau Adelheid, geborene Moser.

Im hohenlohischen Belsenberg wurde Max von Biberstein am 18. Februar 1848 geboren. Auch er durchlief zunächst den traditionellen Bildungsgang des altwürttembergischen Theologen: Vorbereitungszeit in Esslingen, Landexamen, vier Jahre Seminar in Urach von 1862 bis 1866. Aber dann trat Max von Biberstein nicht ins Evangelische Stift in Tübingen ein, sondern folgte seinem Interesse für die Natur und die Naturwissenschaften, besonders für die Botanik. Er entschloss sich für den Beruf des Försters und studierte von 1866 – 1869 Forstwirtschaft an der Universität Tübingen. 1870 schloss er sein Studium an der Landwirtschaftlichen Akademie (heute Universität) Hohenheim ab.

Eigentlich war es vor dem 1. Weltkrieg üblich, dass künftige höhere Forstbeamte sich zum Reserveoffizier ausbilden ließen und einer vornehmen Verbindung beitraten. Von Max von Biberstein ist nichts dergleichen überliefert. Möglicher Weise verzichtete er auf diese karrierefördernden „Zutaten“ aus finanziellen Gründen. Auch vom Militärdienst war Max von Biberstein befreit. Wegen seiner Plattfüße galt er als nicht militärtauglich. Am deutsch-französischen Krieg 1870/71 nahm er jedoch als Kriegsfreiwilliger im 4. Württembergischen Reiterregiment „Königin Olga“ teil.

Nach dem Krieg war er von 1871 bis 1875 Forstreferendar, wo er vorübergehen auch in Weil im Schönbuch stationiert war. Am 30. Juni 1875 trat er eine Stelle als Forstamtsassistent (Forstassessor) in Blaubeuren an. In dieser Zeit heiratete Biberstein am 28. Februar 1878 Pauline Feuerbach, die Tochter des Stuttgarter Justizrats Feuerbach und Enkelin des Staatsministers Johannes von Schlayer. 1878 wurde die älteste Tochter Adelheid geboren.

Am 15. August 1881 übernahm Max von Biberstein das Revieramt und spätere Forstamt Weil im Schönbuch, in der Stellung eines Oberförsters. In diesem Amt und in dieser Stellung verblieb er bis zur vorzeitigen Pensionierung im Jahre 1906.

Die junge Familie Biberstein bewohnte in Weil zunächst die Räume im 2. Stock des Gasthauses zum Ochsen. Danach zogen sie in das alte Forsthaus an der Hauptstraße, gegenüber der Jägerstraße. Nachdem ihm das Bauamt die Instandsetzung des Forstdienstgebäudes verweigert hatte, baute er um 1900 auf eigene Kosten das im Vergleich zum alten Forsthaus sehr großzügig wirkende Gebäude mit Remise an der Dettenhäuser Straße, das er später sehr preiswert an den Staat verkaufte

Beim Ausscheiden aus dem aktiven Dienst am 16. Mai 1906 verabschiedete ihn die Gemeinde und verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde. Als Ruhesitz wählte er München, später Deggendorf an der Donau, die Heimat seiner zweiten Frau Marianne Lettenbaur, die er fünf Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau Pauline 1910 in Mauren geheiratet hatte. 1912 – also schon im Ruhestand – erfolgte die Ernennung zum königlichen Forstmeister – eine Anerkennung seiner Leistung, vielleicht aber auch Ausgleich für allerlei dienstliche Unbill und empfangene Kränkungen.



Das von der Familie Biberstein neu erbaute Forsthaus in Weil im Schönbuch an der Dettenhäuser Straße. (Bild: Familienarchivs Werner-Zeller-Stiftung Leonberg)

Der Forstmann. Konflikt mit Detlef von Plato

Schwerpunkt der beruflichen Arbeit Max von Bibersteins in Weil im Schönbuch war anfangs die Bestandspflege. Seit 1820 hatte man angefangen, die verödeten und verwilderten Teile des Schönbuchs durch Saat und Pflanzung wieder aufzuforsten.

Dann vernichtete in der Weihnachtszeit 1886 ein verheerender Schneebruch die Arbeit von mehreren Generationen. Allein im Forstamt Weil im Schönbuch waren über 600 ha Waldfläche betroffen, die nun neu aufgestockt werden musste. Die Aufforstungsarbeiten zogen sich bis zum Jahr 1899 hin. Sie waren begleitet von ständigen Kämpfen gegen Schädlinge und gegen das überhandnehmende Wild.

Die ersten Erfahrungen aus der praktischen Tätigkeit beim Forstamt Weil fasste Biberstein in einem vielbeachteten Vortrag zusammen, den er vor der Versammlung des Württembergischen Forstvereins 1889 in Tübingen hielt. Die dort aufgeführten Grundsätze wie standortgerechte Baumartenwahl, Abkehr vom Reinbestand hin zu einem Mischbestand aus mehreren Baumarten und konkrete Vorschläge zur Buchen-Naturverjüngung machten diesen Vortrag zu einem noch lange Jahre nachwirkenden Impuls der waldbaulichen Betrachtungsweise.

Als Forstmann stand Max von Biberstein für eine nachhaltige Forstwirtschaft, für Pflege und Erhalt des Waldes, bei maßvollem Wildbesatz. In diesen Grundsätzen war er sich mit seinen Kollegen einig, aber er geriet dadurch in scharfen Gegensatz zu Detlev von Plato (1846-1917), der von 1891 – 1905 das Hofjagdamt leitete. Der aus altem hannoverischen Adel stammende von Plato, war württembergischer Kammerherr und Hofmarschall; vor allem aber war er ein Studienkollege und Corpsbruder des regierenden und jagdbegeisterten Königs Wilhelm II und zählte zeitlebens zu dessen engsten Freunden, was auch die umfangreiche erhaltene Korrespondenz belegt.
Symptomatisch ist in dieser Sache sicher auch das Foto, das am 8. November 1893 bei der sog. „Kaiserjagd“ im Schönbuch aufgenommen wurde. Man sieht den Ehrengast S.M. Kaiser Wilhelm II, den Gastgeber und Jagdherrn S.M. König Wilhelm II von Württemberg, und ganz rechts ist der Hofjägermeister Detlev von Plato zu erkennen. Der eigentlich „zuständige“ Revierförster von Weil im Schönbuch, Max von Biberstein, ist nicht auf dem Bild.


Kaiserjagd im Schönbuch am 8.November 1893. Man sieht den Ehrengast S.M. Kaiser Wilhelm II, den Gastgeber und Jagdherrn S.M. König Wilhelm II von Württemberg, und ganz rechts ist der Hofjägermeister Detlev von Plato zu erkennen. Den eigentlich „zuständigen“ Revierförster von Weil im Schönbuch, Max von Biberstein, sucht man auf dem Foto vergeblich. (Bild: www.denksteine-schoenbuch.de)

Stiftungen von Max und Pauline von Biberstein

Max von Bibersteins Frau Pauline war recht vermögend. Doch die Bibersteins lebten sparsam. Dadurch war das Ehepaar im Stande, eine Reihe von Stiftungen zu machen, die besonders für die Gemeinde Weil im Schönbuch bedeutsam waren.

Bereits im Jahre 1899 stifteten sie in Weil im Schönbuch einen Kindergarten, die sog. Paulinenpflege. Dazu wurde ein Kapital von 5000 Goldmark ausgesetzt. Nach dem Tod von Pauline am 27. März 1904 und der Pensionierung von Max im Jahre 1906 und seinem Umzug nach München wurde die Stiftung der evangelischen Kirchengemeinde in Weil im Schönbuch übertragen.

1903 gründete Max von Biberstein und seine Forstkollegen Volz und Graf von Uxkull die Württembergische Forstwaisenstiftung. Das Kapital stammte überwiegend von Max von Biberstein. Weiterhin beteiligte sich das Ehepaar Biberstein an der Gründung des Krankenpflegevereins in Weil im Schönbuch. Auch zeigte sich Max von Biberstein als Mitglied im Kirchengemeinderat sehr engagiert bei der Restaurierung und dem Umbau der Martinskirche im Jahre 1904. Das Ehepaar Biberstein stiftete die vier Flachreliefs mit Darstellungen der Evangelisten nach dem Entwurf von Rudolf Yelin an der neuen Kanzel.

Im Jahre seiner Pensionierung stiftete Biberstein 1906 in der Nähe der Kälberstelle noch einen Gedenkstein zu Ehren des Bebenhäuser Forstmeisters August von Tscherning (1819-1892). Der sog. Tscherningstein mit der in Latein gefassten Aufschrift „patri scaienbuchensi“ (dem Vater des Schönbuchs) erinnert noch heute an den verdienten Forstmann und Landeshistoriker. Die Rückseite des Steines erinnert an die Wohnstätte „Baierhaus“ (um 1400), die Tscherning hier entdeckte. Die Familie Tscherning hat ein Familiengrab auf dem kleinen Friedhof hinter dem Chor der Klosterkirche Bebenhausen.

Im Juli 1912 erlitt Biberstein einen Schlaganfall. Er starb nach langer Krankheit im Alter von 65 Jahren am 15. Oktober 1913. Am 19. Oktober wurde er im Bibersteinschen Familiengrab auf dem alten Friedhof in Weil im Schönbuch beigesetzt. Ihn überlebten seine zweite Frau Marianne und drei verheiratete Töchter aus erster Ehe.

Die älteste Tocher Adelheid Dinkelacker (1879-1971) hat wieder einen Pfarrer geheiratet. Heinrich Dinkelacker war 1908 – 1921 Pfarrer in Holzgerlingen. Das Ehepaar hatte 12 Kinder. Ihr Sohn Helmut Dinkelacker war praktischer Arzt in Weil im Schönbuch und wohnte in der Dettenhäuser Straße ganz in der Nähe des Forstamts, das sein Großvater erbauen ließ. 1979 gab er ein Familienbuch heraus. Sein Urenkel Hansjörg Dinkelacker trat wieder in die Fußstapfen des Großvaters und wurde Forstdirektor in Herrenberg.1Ein weiterer Enkel von Max von Biberstein war der in Herrenberg wohlbekannte Oberstudiendirektor Dr. Martin Zeller. Er war Leiter des Schickhardt-Gymnasiums und Begründers des Vereins zur Erhaltung der Stiftskirche.


Oberförster Max von Biberstein im Kreise von Kollegen beim 30-jährigen Dienstjubiläum des Forstmeisters Friedrich August v. Tscherning am 9.9.1884 in Bebenhausen. Tscherning in der erste Reihe, ohne Hut; Max von Biberstein obere Reihe, Dritter von links. (Bild: http://www.denksteine-schoenbuch.de).

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Der Autor, Dr. Gerhard Betsch, Akademischer Oberrat i.R., lebt und arbeitet in Weil im Schönbuch.

Umfangreiche Hinweise und Fotos zu Angehörigen der Familie Biberstein finden Sie auf den Internet-Seiten des Familienarchivs Werner-Zeller-Stiftung Leonberg.

Literaturangaben

von Biberstein, Max: Natur, Geschichte und Wirtschaft des Schönbuchs. In: Bericht von der X. Versammlung des Württembergischen Forstvereins in Tübingen am 12. und 13. August 1889. Stuttgart: Alfred Müller und Co. 1889, S. 5 – 41. (Druckfassung eines Vortrags).

Dinkelaker, Helmut: Die Familie von Biberstein mit ihren Nebenfamilien im schwäbischen Raum. Ein Familienbuch anlässlich des 100. Geburtstags von Frau Adelheid Dinkelaker, geb. von Biberstein; mit zahlr. Beiträgen von verschiedenen Sippenmitgliedern. Leer (Ostfriesland), Verlag Grundlagen und Praxis 1979.

Dinkelacker, Hansjörg: Maximilian von Biberstein. 3 Seiten. Im World Biographical Information System und Biographien bedeutender Forstleute aus Baden-Württemberg, 1980.

Hahn, Walter: Heimatbuch Weil im Schönbuch – Breitenstein – Neuweiler. Hrsg. von der Gemeinde Weil im Schönbuch, 1988, S. 221-223.

Sauer, Paul: Württembergs letzter König. Das Leben Wilhelms II. 2. Aufl. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1994.

Schimpf, Theodor: Zum Gedächtnis des Herrn Max v. Biberstein/Kgl. Württ. Forstmeisters a.D./K. Oberförsters in Weil im Schönbuch 1881 – 1906/ …/Rede am Grab, gehalten von Herrn Stadtpfarrer Schimpf von Lauffen a. N. am 19.10.1913, Druck

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Referenz

Referenz
1 Die Schreibweise des Familiennamens ist nicht immer einheitlich. Neben Dinkelacker war auch Dinkelaker gebräuchlich. In diesem Artikel wurde die Schreibweise bewusst vereinheitlicht.