Die Kriegserinnerungen des Siegfried von La Chevallerie

Der Ehninger Schlossherr und der Erste Weltkrieg

Zu den interessantesten Zeugnissen, die sich im Landkreis Böblingen aus dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) erhalten haben, zählen die Kriegserinnerungen des Ehninger Schlossherrn Siegfried von La Chevallerie (1860-1950). Als hochrangiger preußischer Offizier war der Generalleutnant vom ersten bis zum letzten Tag an der Westfront im Einsatz.

Autorin: Susanne Kittelberger

Die Beziehungen der Familie La Chevallerie zur Gemeinde Ehningen begannen im Jahre 1913. Damals trat Siegfried von La Chevallerie das Erbe seines Urgroßvaters Johann Ludwig Christian Freiherr von Breitschwert an, in dessen Familienbesitz sich seit dem 17. Jahrhundert die Obere Burg in Ehningen befand.

Ursprünglich entstammte die Familie La Chevallerie dem französischen Adel. In der Hochzeit der Hugenottenverfolgungen im 17. Jahrhundert hatte sich der reformierte Zweig der Familie ins protestantische Preußen geflüchtet. Von den Nachkommen dienten viele in der Armee. Siegfried von La Chevallerie wurde 1860 in Danzig als Sohn des preußischen Generalmajors Karl August Ludwig von La Chevallerie geboren. Den größten Teil seiner militärischen Karriere verbrachte er in Ostpreußen. Erst 1910 siedelte er als Kommandeur des Feldartillerie-Regiments „Großherzog“ ins badische Karlsruhe über.

Während des Ersten Weltkrieges kam La Chevallerie nur gelegentlich nach Ehningen, um dort seine Geschäfte als Grundbesitzer zu regeln. In der Armee bekleidete er den Rang eines Generalleutnants und war für die Führung der Artillerien der zum Armeekorps gehörenden 27., 33. und 34. Infanterie-Divisionen verantwortlich. Wenige Wochen nach Inkrafttreten des Versailler Friedensvertrages nahm er im Alter von fast 60 Jahren im März 1920 hochdekoriert, – vom Ausgang des Krieges und den Bedingungen des Vertrages jedoch bitter enttäuscht -, seinen Abschied aus der Armee. Von nun an ließ er sich mit seiner Frau und den beiden Söhnen bis zu seinem Tod im Jahre 1950 im Ehninger Schloss nieder.




Siegfried von La Chevallerie zu Pferd vor dem Ordensritter-Schloss Waregem in Flandern, 23. November 1917. (Foto aus: Der Erste Weltkrieg – Menschen und Schicksale im Landkreis Böblingen. Hrsg. vom Landkreis Böblingen 2016, S. 96.)

Schlossherr in Ehningen

Vor seinem Einzug ins Ehninger Schloss hatte Siegfried von La Chevallerie das alte Gemäuer 1919 erst einmal gründlich renovieren lassen. Aber auch im zivilen Leben blieb der Generalleutnant a.D. „ganz Soldat“. Kreisarchivarin Dr. Helga Hager, die sich in ihrem Buch über den Ersten Weltkrieg im Landkreis Böblingen eingehend mit La Chevallerie und seinen Kriegserinnerungen beschäftigt hat, berichtet, dass es immer noch alteingesessene Ehninger gibt, die sich gut an Begegnungen mit dem adeligen Neubürger erinnern können. Dabei schildert sie auch einige „filmreife“ Szenen. So habe La Chevallerie beispielsweise „jeden Sonntag in Uniform und mit umgeschnalltem Säbel die Kirche betreten, und zwar immer ein wenig später als die anderen Gläubigen. Dabei habe bei jedem Schritt der Säbel gegen die Kirchenbänke geschlagen, so dass sein Kommen unüberhörbar den Gottesdienst einläutete. Und selbstredend war er auch im zivilen Leben viel mit dem Pferd unterwegs, und die Ehninger erwiesen ihm den Respekt im alltäglichen Umgang: Sie sprachen ihn mit Exzellenz an –, mit jenem Titel also, der ihm als Generalleutnant im Feld zugestanden hatte. An bestimmte Gepflogenheiten allerdings musste er sich jedoch im demokratisch geprägten Württemberg erst gewöhnen. Wenn er etwa zum Friseur gegangen sei, habe er es für selbstverständlich betrachtet, als Erster bedient zu werden. Ein alteingesessener, unerschrockener Bauer habe ihm daraufhin nahegebracht, „zu gruaba“ – sprich zu warten, bis er an der Reihe ist.“1


Das Ehninger Schloss im Jahre 1928. Siegfried von La Chevallerie hatte das alte Gemäuer vor seinem Einzug renovieren lassen. (Foto aus: Der Erste Weltkrieg – Menschen und Schicksale im Landkreis Böblingen. Hrsg. vom Landkreis Böblingen 2016, S. 99.)

Manuskript in Familienbesitz

Seine Kriegserinnerungen hat Siegfried von La Chevallerie am 13. Dezember 1918, also gut vier Wochen nach dem Waffenstillstand von Compiègne, fertiggestellt. 150 DIN-A-4-Seiten zählt das Manuskript, das sich bis heute im Familienarchiv befindet. Vermutlich griff er dabei auf Tagebucheinträge zurück, die er im Feld geführt hatte. Da das Manuskript erst mit dem Jahr 1915 einsetzt, ist anzunehmen, dass der erste Teil verloren ging. Helga Hager hält es für wahrscheinlich, dass die vor dem Hintergrund des verlorenen Krieges, der Novemberrevolution und des Zusammenbruchs der Monarchie verfassten Erinnerungen nicht nur für den privaten Gebrauch, sondern für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt waren. Dafür spreche auch, dass es sich bei den Erinnerungen nicht nur um einen chronologisch angelegten Rechenschaftsbericht handle, sondern um den Versuch einer Gesamtschau.

In der Rückschau entwerfen seine Einträge heute ein eindrückliches Bild von der industrialisierten Kriegsmaschinerie, der ingenieursmäßigen Planung und dem immensen Einsatz von Mensch, Material und Technik. Sie erzählen aber auch vom Alltag hinter der Front, seiner Verbundenheit mit der preußischen Herrscherfamilie und seinem aristokratischen Standesbewusstsein. Erwähnt wird darin immerhin auch der Tod seines „braven Burschen“ mit Namen Kienle. Dieser stammte aus Ehningen und war der Sohn eines Pächters. Ums Leben kam er im Sommer 1918, als im Divisionsstabsquartier in Nesle – östlich der Somme gelegen – ein Geschoss einschlug.

Über seine Gefühle angesichts des beispiellosen Massensterbens auf den Schlachtfeldern äußerte sich La Chevallerie in seinen Erinnerungen allerdings nie. Auch den Krieg als solchen stellte er nicht in Frage. Der Krieg war nun mal sein Handwerk – und seine Einstellung dazu war sachlich und hochprofessionell. Auch hier blieb er bis zuletzt das Musterbeispiel eines preußischen Offiziers.


Die Kriegserinnerungen des Siegfried von La Chevallerie. (Foto aus: Der Erste Weltkrieg – Menschen und Schicksale im Landkreis Böblingen. Hrsg. vom Landkreis Böblingen 2016, S. 101.)


Die Fotos stammen aus dem Besitz der Familie von La Chevallerie und wurden für die Veröffentlichung auf zeitreise-bb vom Böblinger Kreisarchiv zur Verfügung gestellt.


Der Erste Weltkrieg – Menschen und Schicksale im Landkreis Böblingen

Über den Ersten Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die Menschen im Landkreis Böblingen hat das Kreisarchiv 2016 eine umfangreiche Buchpublikation veröffentlicht.

1914 – 1918: Der Erste Weltkrieg – Menschen und Schicksale im Landkreis Böblingen. Hrsg. Vom Landkreis Böblingen 2016, Projektleitung Dr. Helga Hager.

Darin finden Sie Sie auch den ausführlichen Artikel von Dr. Helga Hager, „Der Artilleriekommandeur und die Materialschlacht. Generalleutnant Siegfried von La Chevallerie, Schlossherr von Ehningen„, S. 96-147.

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Referenz

Referenz
1 Helga Hager: Der Artilleriekommandeur und die Materialschlacht. Generalleutnant Siegfried von La Chevallerie, Schlossherr von Ehningen. In: 1914 – 1918. Der Erste Weltkrieg – Menschen und Schicksale im Landkreis Böblingen. Hrsg.: Landkreis Böblingen 2016, Projektleitung Dr. Helga Hager, S. 99f.)