Die Wehrmauer von Weil im Schönbuch

Wer von Süden über das Schaichtal auf Weil im Schönbuch blickt, der sieht zunächst, wie lang gestreckt der Ort auf einem Höhenrücken liegt. In der Mitte des alten Ortszentrums erhebt sich der massige Bau der Martinskirche, der von einer auffällig großen Mauer teilweise verdeckt wird. Die Mauer ist ein Wahrzeichen der Gemeinde Weil. Was es mit ihr auf sich hat, erfahren Sie in dem folgenden Artikel von Gerhard Betsch.

Autor: Dr. Gerhard Betsch

Bei der Mauer von Weil im Schönbuch handelt es sich um eine Wehrmauer, Rest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter um die heutige Kirche. Diese Anlage sollte Kämpfern und den Bewohnern des Orts Schutz bei kriegerischen Auseinandersetzungen bieten. Der Turm stammt aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und ist damit älter als der heutige Kirchenbau. Ein rechteckiger Kirchenraum (ca. 21 m lang und 9 m breit) wurde um 1180 im Westen angebaut. Das Erdgeschoss des Turms erhielt eine Öffnung zu dieser Kirche und konnte so als Altarraum benützt werden. Fest steht: dieser Turm war ein Wehrturm, eine letzte Zuflucht. Ob er schon von Anfang an Glocken trug, ist nicht bekannt. Mit seinem in fünf Meter Höhe gelegenen Eingang bot er immer noch Schutz, auch wenn der Feind bereits die Umgebung der Kirche besetzt hatte. Man beachte: Die heutige Sakristei im Erdgeschoss des Turms hat keinerlei Verbindung zu den oberen Stockwerken. Und die Leiter zum Eingang des Turms konnte man natürlich einziehen.1

Im Norden verlief eine weniger starke Mauer mit einem Schutzgraben, etwa in der Mitte des heutigen Marktplatzes. Im Osten ist auch noch ein Stück der ehemaligen Befestigung erhalten. Dieses Mauerstück ist inzwischen in das „Haus Renz“ (ein kleines Gemeindehaus) einbezogen. Es gab noch einen äußeren Mauerring, der wichtige Höfe mit einschloss, der aber nur unzureichenden Schutz gewährte.

In den Auseinandersetzungen Graf Eberhards I, „des Erlauchten“, von Württemberg (Regierungszeit 1279 – 1325) mit Kaiser Rudolf von Habsburg in den Jahren 1287 und 1288 bewährte sich die kleine Festung.2Die Pfalzgrafen von Tübingen, damals Ortsherren von Weil, standen auf der Seite des Kaisers, kämpften also gegen Graf Eberhard. Das Dorf Weil litt allerdings stark unter den Angriffen und wurde gänzlich niedergebrannt.3




Die Weiler Wehrmauer erstreckt sich vom ehemaligen Bebenhäuser Pfleghof (heute altes Rathaus) über etwa 40 Meter bis zum Pfarrhaus. Vom Tal her gemessen ist die Mauer 7 Meter hoch. Das Foto wurde vor der Generalssanierung 2017/18 aufgenommen. (Foto: S. Kittelberger)

Zwischen Mauer und Südwand der Kirche befindet sich der Kirchgarten, Teil des ehemaligen Friedhofs, der sich bis 1823 um die Kirche herum befand.

Der alte Wehrgang besteht noch und kann über die Emporentreppe an der Südseite der Kirche auch betreten werden. Das früher wahrscheinlich vorhandene Dach und die Schießscharten sind mittlerweile verschwunden. Die Weiler nennen den Wehrgang „Altane“; man genießt von dieser „Plattform“ aus einen herrlich weiten Blick in den nahe gelegenen Schönbuch.

Mauer war einsturzgefährdet

Auch Wehrmauern kommen in die Jahre und müssen regelmäßig saniert werden. Aus den Akten des Klosteramts Bebenhausen geht hervor, dass bereits Herzog Carl Eugen von Württemberg am 25. Februar 1765 in den Kirchen des Klosteramts eine Kollekte für die Renovierung der Wehrmauer bewilligte.

Im Jahre 2016 schlugen die Fachleute wieder Alarm. In einem Zeitraum von etwa 250 Jahren war die Mauer stark verwittert; die Stabilität der Mauer war nicht mehr gegeben. Schließlich bestand sogar Einsturzgefahr. Nach eingehenden Untersuchungen entschied man sich für eine Generalsanierung, die in den Jahren 2017 und 2018 vorgenommen wurde. Die Bauleitung lag bei der staatlichen Bauverwaltung. Die Besitzverhältnisse an der Mauer sind etwas kompliziert. Das längste Stück der Mauer gehört der evangelischen Kirchengemeinde, das Land Baden-Württemberg und die bürgerliche Gemeinde besitzen je kleinere Stücke.



Zwischen der Wehrmauer und der Kirchensüdwand befindet sich der alte Kirchhof der Gemeinde Weil. Von hier aus führt eine Treppe auf den Wehrgang. Von der „Altane“ genießt man einen weiten Blick auf den Schönbuch. Links im Bild die alte Mauer des Pfarrhofs mit eingelassener Grabplatte. (Bild: S. Kittelberger)

Durchführung der Renovierungsmaßnahmen

Sind Mauern erst einmal instabil geworden, müssen sie abgetragen oder erneuert werden. Im Fall der Weiler Wehrmauer entschied man sich dafür, die Mauer rückwärtig zu verankern. Dazu musste auch das Efeu gänzlich entfernt werden. Die Mauerkrone (der Wehrgang) wurde ganz neu aufgemauert, und zwar so, dass künftig kein Regenwasser mehr in die Mauer eindringen kann. Die dafür verwendeten Steine wurden so ausgewählt, dass sie zum übrigen Mauerwerk passten.

Eine besondere Schwierigkeit bestand in Weil im Schönbuch darin, dass die Mauer auch die „Heimat“ von Mauereidechsen und von Fledermäusen war (und ist). Diese streng geschützten Tierarten mussten zunächst umgesiedelt werden, ehe man mit den Bauarbeiten beginnen konnte. Die Fledermäuse erhielten ein Behelfsquartier in einem eigens aufgeschütteten Steinhaufen. Die Arbeiten durften nur zu gewissen Zeiten durchgeführt werden, damit der Lebensrhythmus der Tiere möglichst wenig gestört wird. Und am Ende mussten in der Mauer wieder Quartiere für Eidechsen und Fledermäuse geschaffen werden.

Die Federführung des Renovierungsprojekts lag beim Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Planung und Bauleitung beim Büro Menzel in Dettenhausen. Eine Firma aus der Gegend von Weimar, die auf Mauersanierungen spezialisiert ist, führte die Arbeiten aus. Diese Firma konnte die Arbeiten in Weil mit einem Auftrag in Ludwigsburg kombinieren, was die Gesamtkosten reduzierte – ein Bonus für sparsame Schwaben. Die Gesamtkosten wurden danach auf die Eigentümer verteilt. Welch hohen Stellenwert die Wehrmauer bei den „Weilemern“ genießt, zeigte sich daran, dass aus der Bürgerschaft zahlreiche Spenden für das Projekt eingegangen sind. In die frisch sanierte Wehrmauer wurde eine Kassette mit den Namen der „Mauerpaten“ eingelassen.

Nun hoffen alle, dass die alte Wehrmauer menschlichen und tierischen Bewohnern der Gemeinde Weil im Schönbuch auch die nächsten 250 Jahre „Schutz und Schirm“ bietet.



Das Pfarrhaus von Weil im Schönbuch wurde auf die Wehrmauer aufgesetzt. Um in den Pfarrhof zu gelangen wurde ein Tor durchgebrochen. (Bild: S. Kittelberger)

Veröffentlichung im Juli 2019 mit freundlicher Genehmigung des Autors

Der Autor, Dr. Gerhard Betsch, Akademischer Oberrat i.R., lebt und arbeitet in Weil im Schönbuch.

Literaturhinweise:
Walter Gorhan, im Kirchengemeinderat in Weil im Schönbuch für die Sanierung der Wehrmauer zuständig: Mündliche Auskünfte, 2019.
Walter Hahn, Heimatbuch Weil im Schönbuch/Breitenstein/Neuweiler. Hrsg.: Gemeinde Weil im Schönbuch, 1988.
Norbert Mauch, Weil im Schönbuch/Breitenstein/Neuweiler – Kirchen/Geschichte/Kunst. G. A. Ulmer Verlag Schönaich, 1987.

wp-transferred wrapped-colset

Referenz

Referenz
1 Nach Walter Hahn war der Turm ursprünglich freistehend. Nach einer Planskizze von Norbert Mauch ist davon auszugehen, dass an den Turm sehr bald eine Kirche angebaut wurde.
2 Zu den Hintergründen der Auseinandersetzungen 1287/88 siehe Söhnke Lorenz, Dieter Mertens, Volker Press (Hrsg.), „Das Haus Württemberg“. W. Kohlhammerverlag Stuttgart 1997. Darin der Artikel von Dieter Mertens über Eberhard I (der Erlauchte, geb. 1265), S. 25 – 27.
3 Der Angriff Graf Eberhards auf Weil erfolgte am 9. September 1286 (einen Tag nach Mariae Geburt). Am Bartholomäustag (24. August) 1287 griff der Markgraf von Baden, ein Schwager Graf Eberhards, den Stützpunkt Weil an (Hahn, Lorenz u.a.).