Nachdem die Alliierten auf der Konferenz von Potsdam eine „geregelte, humane, von den Siegermächten überwachte Umsiedlung“ der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten beschlossen hatten, wurden bis Ende Oktober 1945 auch im Kreis Böblingen die notwendigen organisatorischen Strukturen für die Aufnahme der Flüchtlingsströme geschaffen. Der Zugang in den Kreis erfolgte über das inzwischen geschaffene Durchgangslager Unterjettingen.
Verhältnisse im Unterjettinger Lager
Das Durchgangslager, in dem nunmehr die Aufnahme und Registrierung der Ostflüchtlinge erfolgte, lag in einem Laubwald der Markung Unterjettingen, dem Bühlwald, im sogenannten „Kehrhau“. Es war aus den Baracken einer ehemaligen Munitionsanstalt entstanden. Die Verhältnisse waren entsprechend primitiv. Eine Kanalisation war nicht vorhanden. Die Abwässer flossen in den Straßengräben talabwärts. Die um die Baracken erstellten Notlatrinen bedeuteten wegen des geologischen Aufbaus eine ständige Gesundheitsbedrohung. Das Trinkwasser kam aus der Wasserversorgung der Gemeinde Unterjettingen, dennoch wurden bei vier Untersuchungen im Jahr 1946 Bakterien festgestellt, sodass es nur in gekochtem Zustand für den menschlichen Genuss geeignet war. Wiederholt traten fieberhafte Erkrankungen des Magen- und Darmtrakts auf.
Das Lager bestand aus 7 Wohnbaracken zur Aufnahme der Flüchtlinge. Die Belegungsdichte war oft so groß, dass die Insassen zwischen den doppelstöckigen Betten nur seitlich durchgehen konnten und keinen Platz zum Essen oder für sonstige Verrichtungen hatten. Die Barackenräume waren außerordentlich feucht und konnten nicht gelüftet werden, da die Fenster von den Kriegsschäden noch nicht verglast, sondern nur mit Brettern vernagelt waren. Die Fußböden bestanden aus Zement und waren daher ständig kalt. Die Ofenheizung in den feuchten und nicht gelüfteten Räumen war unzureichend und trug noch zur Verschlechterung der Luft bei. Um den einzigen Ofen in den Baracken herum war nur ein kleiner Raum vorhanden. Das Durchgangslager war somit höchstens für einen Aufenthalt von 14 Tagen in der wärmeren Jahreszeit geeignet.
Spärliche Aktenlage
Leider sind Unterlagen über das Durchgangslager Unterjettingen aus der Zeit des Eintreffens der Flüchtlingstransporte im Jahr 1946 kaum vorhanden. Die Akten, vor allem die Transportlisten, wurden offensichtlich beim wiederholten Umzug der betreuenden Flüchtlingsleitstelle ausgeschieden. Die wenigen noch auffindbaren Unterlagen ergeben folgendes Bild: …Das Innenministerium teilte dem Landrat das Eintreffen der Transporte mit und verständigte gleichzeitig das Flüchtlingsreferat des Landratsamts, das damals von Herrn Huttel geleitet wurde. An der Ausladestation im Bahnhof Herrenberg nahm Herr Danner die Ankömmlinge in Empfang und brachte sie in das Lager Unterjettingen. Im Durchgangslager übernahm die Erfassung Herr Haase, der gleichzeitig Sachbearbeiter des Suchdienstes war. Die weitere Betreuung erfolgte durch den Lagerleiter Mayer. …
Erhaltene Transportliste
Eine von einem Transportleiter aufbewahrte Namensliste kann hier wiedergegeben werden: Sie zeigt die Belegung des Waggons Nr. 39 eines am 21. Juni 1946 im Aussiedlungslager Zwittau/Mähren zusammengestellten Transports. Als Transportleiter für diesen Waggon wurde der heute in Böblingen wohnhafte Ferdinand Grotz bestimmt, weil er die tschechische Sprache einigermaßen beherrschte. Er hat das ihm übergebene Namensverzeichnis später durch Übersetzungen und den Hinweis auf den endgültigen Wohnort der Vertriebenen ergänzt. Dazu hat er die letzten 4 Spalten des tschechischen Vordrucks verwendet, die den Namen des Geldinstituts, die Höhe der Geldeinlage, den ausgezahlten Betrag und die Unterschrift des Empfängers enthalten sollten. Diese Spalten blieben unausgefüllt, weil die Transportinsassen ihre Sparbücher und die größeren Geldbeträge bereits in ihren Gemeinden oder im Aussiedlungslager abgeben mussten. Die ihnen belassenen kleineren Geldbeträge wurden vor dem Überschreiten der tschechischen Grenze nochmals kontrolliert. Jeder erhielt einen Betrag von 50 RM, obwohl nach den Bestimmungen je Familie bis zu 1 000 RM ausgeführt werden durften. Nach drei Tagen erreichte der Transport die deutsche Grenze. Während dieser Zeit erhielten die Waggoninsassen von den Tschechen nur einmal Verpflegung und es starb der 69jährige Josef Frumolt wegen erlittener schwerer Misshandlungen. Der Verstorbene konnte erst in Bayern dem Roten Kreuz zur Beerdigung übergeben werden. Nach weiteren vier Tagen erreichte der Transport endlich das Durchgangslager Unterjettingen und am 19. Juli 1946 wurden die Familien in die Gemeinden Öschelbronn, Sindelfingen, Deufringen und Aidlingen eingewiesen.