Mauren 1940

Else von Löwis of Menar protestiert gegen das nationalsozialistische Euthanasieprogramm

Im Jahre 1940 schrieb Else von Löwis of Menar (1880 – 1961) einen Protestbrief gegen die Euthanasie. Ungewöhnlich war, dass die Kritik am Mord an Behinderten aus den Reihen der Nationalsozialisten kam: Die Adelige war Führerin der NS-Frauenschaft im Kreis Böblingen.

Else von Löwis of Menar verfasste ihren Brief im November 1940. Das Schreiben schickte sie an Walter Buch, Oberster Richter der NSDAP. Die Adelige, die im Maurener Schloss lebte, kannte den Richter persönlich über ihren Vater: Alexander Freiherr von Dusch war badischer Staatsminister gewesen. Else von Löwis of Menar adressierte den Brief an Frau Buch, die ihn an ihren Mann weiterleiten sollte.

In dem Brief weist sich Else von Löwis of Menar als überzeugte Nationalsozialistin aus: „Mein Vertrauen auf eine siegreiche Überwindung aller Schwierigkeiten und Gefahren, die sich dem ‚größeren Deutschland‘ auf seinem Weg entgegengestellt haben, ist bis jetzt durch nichts erschüttert worden, und ich habe mich im Glauben an den Führer unbeirrt durch alle Dickichte gekämpft“.

Aber was sie jetzt erfahren habe, habe ihr „den Boden unter den Füßen weggezogen“. Noch auf einer Arbeitstagung auf der Gauschule in Stuttgart sei ihr Mitte Oktober versichert worden, nur bei „absoluten Kretinen“ werde die Euthanasie angewendet. „Jetzt ist es ganz unmöglich, diese Version noch irgendeinem Menschen glaubhaft zu machen, und die absolut sicher bezeugten Einzelfälle schießen wie Pilze aus dem Boden“, schreibt Else von Löwis of Menar.

In Grafeneck auf der Alb spiele sich eine Tragödie ab. Sie betreffe alle unheilbar Geisteskranken, aber auch Epileptiker. „Und die Bauern auf der Alb, die auf ihrem Feld arbeiten und diese Autos vorbeifahren sehen, wissen auch, wohin sie fahren und sehen Tag und Nacht den Schornstein des Krematoriums rauchen“.

Das öffentliche Geheimnis erzeuge auf der Alb ein Gefühl entsetzlicher Unsicherheit. Als „unerhört und nicht wiedergutzumachenden Fehler“ stuft sie ein, dass man den Leuten zumute, „an die mysteriöse Seuche zu glauben, der ihre Angehörigen zum Opfer gefallen sein sollen“.

Die Führerin der NS-Frauenschaft im Kreis Böblingen spricht sich nicht grundsätzlich gegen Euthanasie aus. Sie fordert aber, dass das Recht über Tod und Leben zu entscheiden, „gesetzlich streng festgelegt und mit höchster Gewissenhaftigkeit ausgeübt wird, wenn nicht den gefährlichsten Leidenschaften und dem Verbrechen Tür und Tor geöffnet werden soll“. Von jeher sei es eine beliebte Methode gewesen, sich unbequemer Verwandtschaft dadurch zu entledigen, dass man sie für verrückt erklärt und im Irrenhaus untergebracht habe.

„Vor das Ohr des Führers“

Wider besseren Wissens glaubt sie, dass Adolf Hitler vom Töten der Geisteskranken nichts wisse: „Die Sache muss vor das Ohr des Führers gebracht werden, ehe es zu spät ist“. Sie fürchtet, dass „es sich einmal schwer rächen würde, wenn man das gesunde Gefühl des Widerstandes gegen diese Vorgänge im Volk abstumpfen und zum Schweigen bringen wollte; es ist das Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, ohne das ein Volk unweigerlich auf die schiefe Bahn gerät“.

Friedrich Freiherr Hiller von Gaertringen, der den Brief 1964 interpretiert hat, schreibt, dass es einem linientreuen Nationalsozialisten den Atem beim Lesen dieser Zeilen verschlagen musste. Zwar billigte man Kritiken aus den eigenen Reihen zu, dass man auf Grund gemeinsamer Überzeugungen und Ziele Missstände beseitigen und Schaden abwehren musste. Ungefährlich war der Brief indes nicht. Walter Buch versicherte in seinem Begleitbrief an Reichsminister Heinrich Himmler, die Briefschreiberin hänge „glühend“ an der Bewegung“ und er bürge für sie „ganz und gar“.

Sie sei sich des Risikos bewusst gewesen, sagt Alexandra Krohmer, Enkelin von Else von Löwis of Menar. Ihre Großmutter und deren Schwester Gretel von Dusch lebten nach dem ersten Weltkrieg in Mauren. Nach dem Brief habe Gretel von Dusch „mit der Browning unter dem Kopfkissen geschlafen“. Eine „kämpferische Natur“ sei Else von Löwis of Menar nicht gewesen, der Brief von daher eher ungewöhnlich: Aber auf Grund ihres Wertesystems hatte sie Zivilcourage“.

Politisch fehlgeleitet

Sie sei eine schöngeistige Natur gewesen, die Klassiker in der Originalsprache las. Dass Else von Löwis of Menar Anhängerin des Nationalsozialismus war, war innerhalb der Familie umstritten. „Für mich ist es unverständlich, wie ein intelligenter Mensch politisch so fehlgeleitet wurde“, sagt Alexandra Krohmer heute.

Der Brief von Else von Löwis hatte Folgen. Am 19. Dezember 1940 schrieb Heinrich Himmler an den zuständigen Stabsleiter bei Reichsleiter Bouhler. Darin verfügte er, die Anstalt Grafeneck einzustellen und „allenfalls in einer klugen und vernünftigen Weise aufklärend zu wirken, indem man gerade in der dortigen Gegend Filme über Erb- und Geisteskranke laufen lässt“. Sein Motiv war aber nicht, die Euthanasie zu verurteilen, sondern dass darüber zuviel an die Öffentlichkeit gelangt war.




Else von Löwis of Menar wandte sich 1940 mit einem mutigen Brief gegen die Euthanasie. (Foto: Privat/Krohmer/z)

Protestbrief gegen die Euthanasie

Lesen Sie hier den Protestbrief gegen das nationalsozialistische Euthanasie-Programm der NS-Frauenschaftsführerin im Kreis Böblingen, Else Löwis of Menar (1880-1961). Der Brief ist an die Frau des Obersten Richters der NSDAP, Walter Buch, gerichtet und gelangte so an SS-Reichführer Heinrich Himmler. 1964 wurde er in der heimatkundlichen Beilage des Böblinger Boten, „Aus Schönbuch und Gäu“ veröffentlicht.


Mauren, den 25. November 1940

Liebe Frau Buch!

Es ist wohl am einfachsten, ich richte diesen Brief an Sie mit der Bitte, ihn an Ihren Mann weiterzuleiten oder ihm denselben einzuhändigen, wenn er nach Hause kommt, falls Sie das für richtiger halten. Doris schrieb uns vor einiger Zeit, daß er in Polen sei? Das Problem, das mich heute zu Ihnen führt, ist kein persönliches Anliegen, sondern es geht uns alle an und ist, wie mir scheint, das schwerste von allen, mit denen wir uns bis jetzt haben befassen müssen. Mein Vertrauen auf eine siegreiche Überwindung aller Schwierigkeiten und Gefahren, die sich dem „größeren Deutschland“ auf seinem Weg entgegengestellt haben, ist bis jetzt durch nichts erschüttert worden, und ich habe mich im Glauben an den Führer unbeirrt durch alle Dickichte gekämpft; aber bei dem, was jetzt an uns herantritt, wird einem, wie mir gestern eine junge 100%ige Parteigenossin sagte, die im Rassenpolitischen Amt mitarbeitet, einfach der Boden unter den Füßen weggezogen.

Sie wissen sicher von den Maßnahmen, durch die wir uns zur Zeit der unheilbar Geisteskranken entledigen, aber vielleicht haben Sie doch keine rechte Vorstellung davon, in welcher Weise und in welch ungeheuerlichem Umfang es geschieht, und wie entsetzlich der Eindruck ist im Volk! Hier in Württemberg spielt sich die Tragödie in Grafeneck auf der Alb ab, wodurch dieser Ort einen ganz schauerlichen Klang bekommen hat. Anfangs wehrte man sich instinktiv dagegen, die Sache zu glauben, oder hielt die Gerüchte zum mindesten für maßlos übertrieben. Mir wurde noch bei unserer letzten Arbeitstagung auf der Gau-Schule in Stuttgart Mitte Oktober von „gut- unterrichteter“ Seite versichert, es handle sich nur um die absoluten Kretinen, und die „Euthanasie“ werde nur in ganz streng geprüften Fällen angewendet. Jetzt ist es ganz unmöglich, diese Version noch irgendeinem Menschen glaubhaft zu machen und die absolut sicher bezeugten Einzelfälle schießen wie Pilze aus dem Boden. Man kann vielleicht 20 Prozent abziehen, aber selbst wenn man 50 Prozent abziehen wollte, wäre damit nichts gebessert.

Das Furchtbare und Gefährliche ist ja nicht so sehr die Tatsache an sich; wenn ein Gesetz geschaffen worden wäre in der Art. des Sterilisationsgesetzes, das eine bestimmte Kategorie von Kranken unter schärfster fachmännischer Prüfung festgesetzt hätte, Kranke, die wirklich keinen Funken des Erkennens und menschlichen Fühlens mehr in sich tragen, dann bin ich überzeugt, daß nach anfänglicher Aufregung die Gemüter sich beruhigt und die Menschen sich damit abgefunden hätten, vielleicht leichter, als mit dem Sterilisationsgesetz. Man hätte in einigen Jahren vielleicht schon kaum mehr begriffen, warum man dieses wohltätige Gesetz nicht schon längst eingeführt habe? Aber so, wie die Sache sich jetzt abspielt, sind die Wirkungen in jeder Hinsicht unabsehbar. Man kann darüber verschiedener Meinung sein, inwieweit Menschen sich das Recht anmaßen dürfen, über Tod und Leben ihrer Mitmenschen zu entscheiden; eins steht doch wohl fest: Dieses Recht muß gesetzlich streng festgelegt und mit höchster Gewissenhaftigkeit ausgeübt werden, wenn nicht den gefährlichsten Leidenschaften und dem Verbrechen Tür und Tor geöffnet werden soll. Es war doch von jeher eine beliebte Methode, sich z. B. unbequemer Verwandter dadurch zu entledigen, daß man sie für verrückt erklärte und im Irrenhaus unterbrachte. Meiner Meinung nach hätte dann auch das Volk das Recht, von diesem Gesetz zu wissen, so wie es um das Sterilisierungsgesetz gewußt hat.

Das Furchtbare im gegenwärtigen Fall ist das „öffentliche Geheimnis“, das ein Gefühl entsetzlicher Unsicherheit erzeugt. Man konnte doch unmöglich damit rechnen, das Geheimnis auf die Dauer zu wahren, auch wenn man dem, der es verraten würde, mit der Todesstrafe drohte, wie dies der Fall sein soll? Auch daß man den Leuten zumutete, an die mysteriöse „Seuche“ zu glauben, der ihre Angehörigen zum Opfer gefallen sein sollten, war unerhört, und ein nicht wieder gutzumachender Fehler! Ob die für die Sache Verantwortlichen sich gar nicht bewußt sind, welches Maß von Vertrauen sie dadurch zerstört haben? Jeder muß sich hinfort fragen: Was kann ich noch glauben? Wohin wird dieser Weg uns führen und wo wird die Grenze gezogen werden? Es sind ja durchaus nicht nur die hoffnungslos Verblödeten und Umnachteten, die es trifft, sondern wie es scheint werden allmählich alle unheilbar Geisteskranken — daneben auch Epileptiker, die geistig gar nicht gestört sind — erfaßt.
Darunter befinden sich vielfach Menschen, die am Leben noch Anteil nehmen, ihr bescheidenes Teil Arbeit leisten, die mit ihren Angehörigen in brieflichem Verkehr stehen; Menschen, die, wenn das graue Auto der SS kommt, wissen, wohin es geht und was ihnen bevorsteht. Und die Bauern auf der Alb, die auf dem Feld arbeiten und diese Auto vorbeifahren sehen, wissen auch, wohin sie fahren, und sehen Tag und Nacht den Schornstein des Krematoriums rauchen. Wir wissen doch auch, daß unter den unheilbar Geisteskranken sich viele geistig hochstehende Menschen befinden, solche, die nur partiell gestört und solche, die nur periodisch gestört sind, und die dazwischen Zeiten vollkommener Klarheit und erhöhter Geistestätigkeit haben. Genügte es denn nicht, daß man sie sterilisiert hat, und ist es nicht entsetzlich zu denken, daß über diesen allen nun das Damoklesschwert von Grafeneck hängt?
Wie ich das alles so hinschreibe, erfaßt mich wieder dermaßen die Ungeheuerlichkeit dieser Dinge, daß ich meinte, ich müsse aus einem bösen Traum erwachen! Und ausgerechnet jetzt soll die Frauenschaft eine große Werbeaktion in Szene setzen! Was ist das aber für Werbematerial für die katholische Kirche?
Jetzt klammern die Menschen sich noch an die Hoffnung, daß der Führer um diese Dinge nicht weiß, nicht wissen könne, sonst würde er dagegen einschreiten; auf keinen Fall wisse er, in welcher Weise und in welchem Umfang sie geschehen. Ich habe aber das Gefühl, als dürfe es nicht mehr lang so weitergehen, sonst ist auch dieses Vertrauen erschüttert. Es ist ja immer wieder ergreifend, gerade bei den einfachen Menschen diesem Vertrauen, diesem selbstverständlichen: „Der Führer weiß davon selbstverständlich nichts“, zu begegnen, und diese Waffe müssen wir blank erhalten wie keine andere! Aber wir können es nicht dadurch erreichen, daß wir möglichst lange versuchen, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, sie mit Ausreden und Beschwichtigungen hinzuhalten, wenn sie uns fragen; mit Ausreden, die wir selbst nicht glauben.
Ich bin auch überzeugt, daß es sich einmal schwer rächen würde, wenn man das gesunde Gefühl des Widerstandes gegen diese Vorgänge im Volk abstumpfen und zum Schweigen bringen wollte; es ist das Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, ohne das ein Volk unweigerlich auf die schiefe Ebene gerät. Man darf die Welle der Empörung aber nicht so stark werden lassen, daß sie sich gewaltsam Bahn bricht oder, was noch schlimmer wäre, uns von innen heraus anfrißt. Die Sache muß vor das Ohr des Führers gebracht werden, ehe es zu spät ist, und es muß doch einen Weg geben, auf dem die Stimme des deutschen Volkes das Ohr seines Führers erreicht!

Es gäbe noch viel, was man zu diesem Thema sagen könnte, aber ich glaube, daß ich das Wesentlichste gesagt habe, und ich will die Hoffnung nicht fahren lassen, daß die vereinten Kräfte derer, die klar die Gefahr erkennen und den nötigen Mut aufbringen, dazu helfen werden, daß wir aus diesem Irrsal wieder herausfinden. …1

Mit herzlichen Grüßen, auch an Ihren Mann, und Heil Hitler! bin ich Ihre Else v. Löwis.

Erstveröffentlichung: Ein Protestbrief gegen die „Euthanasie“ im Jahre 1940. Kommentiert von Dr. Friedrich Freiherr Hiller von Gaertringen. In: Aus Schönbuch und Gäu. Beilage des Böblinger Boten 11/1964.

Erstveröffentlichung: Das 20. Jahrhundert im Spiegel der Zeit. Der Kreis Böblingen im Rückblick von 100 Jahren. Röhm Verlag Sindelfingen 1999.

Mit freundlicher Genehmigung der Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung

Der Brief von Else von Löwis of Menar als pdf-Dokument

Literaturhinweise:
Ein Protestbrief gegen die „Euthanasie“ im Jahre 1940
Kommentiert von Dr. Friedrich Freiherr Hiller von Gaertringen
In: Aus Schönbuch und Gäu. Beilage des Böblinger Boten 11/1964

Thomas Stöckle
Grafeneck 1940
Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland
Silberburg-Verlag, Tübingen 2002

Unterrichtsmaterialien:
„Euthanasie“ im NS-Staat – Grafeneck im Jahr 1940″
Historische Darstellung, Didaktische Impulse, Materialien für den Unterricht.
Erschienen in der Reihe Bausteine: Texte und Unterrichtsvorschläge, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2000. In Zusammenarbeit mit dem Oberschulamt Tübingen.

Heimatgeschichtsverein Ehningen
Gemeinde Ehningen

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Referenz

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1 Es folgen Fragen nach dem persönlichen Ergehen und Mitteilungen über die eigene Familie