Kunststudium bei Dannecker
Der Schluss ist schnell erzählt. Betrachtet man den frischen Duktus der Porträtminiaturen in jenem Brief an Louis Mayer, wie er mit wenigen Strichen die dargestellten “Visagen“ charakterisiert, so nimmt es einen nicht wunder, dass Gangloff schon bald unter Danneckers Lehrmethoden zu leiden beginnt. Er will nach der Natur zeichnen. Aber Dannecker nimmt ihn an die klassizistische Kandare und lässt ihn in seinem Haus Gipsabgüsse antiker Statuen kopieren. Der Meister untersagt ihm, eigene Kompositionen zu zeichnen. Gangloff hält es nicht mehr aus und gibt den Unterricht bei Dannecker auf. Freunde stehen ihm Modell. Er wirft sich auf die großen Kompositionen: die Olympischen Spiele, figurenreich, nackte Körper. Die Geldzuwendungen der Gönner hören auf. Wieder fühlt er das Widersprechende seiner Existenz, den Freiheitsdrang, dem eigenen Genius zu folgen, bedrängt durch Selbstvorwürfe, das Vertrauen Danneckers und seiner Freunde missbraucht zu haben. Er findet Gleichgesinnte in Stuttgart, talentiert wie er. Er findet wohl auch ein Mädchen, aber er findet keine Ruhe.
Im Oktober 1813 wird Napoleon in der Leipziger Völkerschlacht besiegt. Jemand inspiriert Gangloff, eine Hermannsschlacht zu zeichnen, Symbol des romantischen Patriotismus. Ineinander verkeilte Körper, sterbende Krieger entstehen auf den Skizzenblättern, großformatig, oft mehrere Entwurfschichten übereinander. Schließlich nochmals ein biblisches Thema: Abraham, das Land der Verheißung erblickend, als letztes Werk Gangloffs wie geschaffen für symbolschwere Ausdeutungen. (…)
Früher Tod und dichterisches Nachleben
Das Ende kennen wir. Die Mutter holt den Kranken heim in die Merklinger Amtsschreiberei. Nervöses Fieber, Alteration des Gemüts, so nannte man das. An einem Sonntagabend im Mai 1814 ist er gestorben. Die Freunde drängte es, das Andenken Gangloffs zu bewahren, jeder auf seine Art. Einige Blätter wurden in London lithographiert. Uhland schrieb an Karl Mayer: “Wenn es mir möglich wäre, Gangloffs überall zerstreute, zum Theil fruchtlos verschleuderte Zeichnungen wieder zu sammeln !“ Die Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart bewahrt fünfzig Blätter von Gangloff auf. Die einzigen öffentlich ausgestellten Werke befinden sich im Leutkircher Heimatmuseum. (…)
Die Dichterfreunde Kerner und Uhland griffen zur Feder. Mayer schrieb einen Nekrolog, der aber erst 1822 in Cottas Kunstblatt erschien. Unmittelbar unter dem Eindruck von Gangloffs Tod schrieb Ludwig Uhland drei Sonette. Es fällt uns heute schwer, Uhlands Gedankengängen von Heldentod und „schönem Sterben„, von mystisch-mythischem Todeslocken ohne Widerstreben zu folgen. Böse, erst im Entstehen begriffene Traditionen werfen ihre Schatten voraus, Langemarck und Rilkes Cornet, Tornisterlyrik späterer Katastrophen. (…) Auch aus Justinus Kerners Totenopfer für Karl Gangloff“ klingt die patriotische Aufgeregtheit der Befreiungskriege unüberhörbar.
„Kein schwererer Schlag hätte die schwäbische Kunst zu Anfang dieses Jahrhunderts treffen können, als der frühzeitige Tod von Karl Gangloff.“. So urteilte einige Jahrzehnte später August Wintterlin in seinem Buch über die württembergischen Maler. Der frühe Tod großer Talente verleitet einen immer wieder zu jenen spekulativen Gedankenspielen, in denen man sich Alternativen zum realen Lauf der Geschichte ausmalt. Was wäre aus ihm geworden?
Der alte Gangloff und seine Frau verließen schon zwei Jahre nach dem Tod ihres letzten Kindes Merklingen. Das war im Hungerjahr 1816. Im Kirchenbuch ist es vermerkt: „weggezogen nach Weil der Stadt.“ Aber dort verliert sich die Spur der Familie. In Merklingen hat man den Namen Gangloff längst vergessen. Karl Gangloffs Grab ist verschwunden unterm Grasgespinst des alten Friedhofs. (…)