Zum wichtigsten Erwerbszweig neben der Landwirtschaft entwickelte sich in Eltingen im 19. Jahrhundert die Gipsgewinnung. Angesichts der anhaltenden Krisensituation in der württembergischen Landwirtschaft und der zunehmenden Massenarmut wuchs die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt aus verschiedenen Quellen zu speisen. So waren es auch in Eltingen insbesondere Kleinbauern und Minderbemittelte, die sich in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts dem Gipsabbau zuwandten. Eine vergleichbare Entwicklung finden wir zu dieser Zeit auch in Rohrau, das damals zum Oberamt Herrenberg gehörte.
Der Eltinger Heimatforscher Konrad Fröschle konnte bei Durchsicht der Katasterbücher zwischen 1800 und 1910 an nicht weniger als 27 Stellen Gipsmühlen ausmachen. In der Eltinger Oberamtsbeschreibung von 1852 ist unter anderem zu lesen:
Einen besonderen Erwerbszweig für ärmere Einwohner bildet der Gips, der aus 3 Brüchen gewonnen wird und in der ganzen Umgegend zum Verkauf kommt. So waren Gipssteinbrüche beim oberen Tor, bei der Hohenhecke und in den Seeäckern. 14 mahlende Gipsmühlen zählte man damals in Eltingen.“
Gips, oder “Ips“, wie man ihn damals nannte, war nicht nur als Baumaterial gefragt. Er wurde auch zu pulverisiertem Düngergips gemahlen, der seit dem 18. Jahrhundert zunehmend zur Bodenverbesserung eingesetzt wurde.
Gipsabbau seit 1750
In Eltingen ist der Gipsabbau seit der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt. Auf den 9. Januar 1754 datiert jedenfalls eine herzogliche Verfügung betreffs der Reservierung des in Eltingen gefundenen Gipses für das herrschaftliche Bauwesen. Bald danach muss auch der private Abbau eingesetzt haben. Die Gipsbrüche lagen nördlich und östlich des alten Ortes.
Der Scheffel Gips (ca. 177 l) kostete im Jahre 1780 5 Kreuzer, 1 Maß Wein (= 1,8 l) dagegen 20 Kreuzer. 1808 war der Preis des Gipsmehles also so gering, dass es praktisch unmöglich war, davon zu leben. An die Gemeinde äußerten die Gipsmüller und Gipsbrecher deshalb den Wunsch, ein Magazin zur Lagerung des Gipses bauen zu dürfen. Somit hätten sie Gelegenheit, den Gips jederzeit verkaufen zu können. In einem Vertrag vom 14. Oktober 1808 wurde zwischen Gipsmüllern und -brechern vereinbart, solch ein Magazin zu bauen. Die Anzahl der Gipsmüller wurde auf 23 limitiert. Um das Quantum des Magazins konstant zu halten, sollte kein neuer Gipssteinbruch auf der Markung errichtet werden. Dieser Vertrag gelangte jedoch nie zur Ausführung. Im Gegenteil, der Gipsabbau dehnte sich immer weiter aus.
Die Anzahl der zwischen 1770 und 1930 als Gipsmüller in Eltingen erwähnten Personen ist enorm hoch. Die meisten betrieben diese Arbeit jedoch nur als Nebenerwerb. 1808 wurden 23 Gipsmüller gezählt, 1882, als bereits die industrielle Gipsverarbeitung eingesetzt hatte, – wurden immer noch 20 Gips- und Sandhändler aufgeführt.