Grenzsteine erzählen Geschichte(n)
Die Waldensergemeinde Perouse und ihr Stolz auf die Grenzsteine
Autor: Klaus Philippscheck
Normalerweise findet der Grenzsteinsucher beim Umgang um eine Ortsmarkung herum eine Vielzahl unterschiedlicher Steine. Denn im Laufe der Jahrhunderte sind Grenzsteine oft verändert worden: Sie wurden genauer ausgerichtet und repariert, durch politische Veränderungen oder Besitzerwechsel überarbeitet oder manchmal gar ausgetauscht. Nummerierungen oder die sog. „Fleckenzeichen“ auf den Steinen mussten ab und zu durch Steinmetze geändert werden. So gibt es im Kreis Böblingen nur noch ganz wenige Grenzsteine, die z.B. seit über einem halben Jahrtausend immer noch an ihrem Platz stehen.
Schnell ist jedoch zu erkennen, dass um Perouse herum eine ganz andere Lage besteht: Denn alle Steine sind aus dem rötlichen Buntsandstein des nicht allzu fernen Schwarzwalds gehauen, haben eine ähnliche Größe und Form und sind sorgfältig nummeriert. Groß und deutlich steht auf allen der lateinische Buchstabe „P“, was den kundigen Betrachter ins 19. Jahrhundert verweist. Dies wird auch durch die immer vorhandene Jahreszahl „1839“ bestätigt. Dadurch ahnt man, dass den Auftraggebern genau diese Jahreszahl wichtig war – aber auch die Steine selbst, denn sie sind alle sehr sorgfältig und schön gearbeitet. Dies ist trotz mancherlei Verwitterung und sonstiger Beschädigung noch gut zu erkennen.
Da die Steine die politische Markungsgrenze von Perouse zeigen, bleibt für die beschriebene Tatsache nur eine Erklärung übrig: Die gesamte Markung von Perouse ist in einer einzigen großen Aktion versteint worden. Und dies sollte wohl schnell gehen. Deshalb war wohl nicht nur ein einzelner, sondern gleiche mehrere Steinmetze mit der Herstellung beauftragt, was man daran erkennen kann, dass zwar immer Jahreszahl, Nummerierung und natürlich das „P“ eingemeißelt worden sind, aber die Anordnung auf den Steinen variiert. Trotzdem unterscheidet die außergewöhnliche Gleichmäßigkeit und Präzision der Steine sie völlig von der typischen großen Vielfältigkeit der Grenzsteine der Markungsnachbarn Heimsheim, Flacht und Malmsheim.
Der schöne Stein Nummer 60 an der Hauptmarkung von Perouse. (Foto: Klaus Philippscheck)
Natürlich stellt sich für einen Grenzsteinforscher die Frage, welche Erklärung es für diese außergewöhnliche, auch teure Aktion der Gemeinde Perouse gegeben hat. Und da hilft die Jahreszahl 1839. Denn genau im Jahr 1839 hatten die Perouser der Stadt Heimsheim für 3.924 Gulden die Markungsrechte abgekauft, womit Perouse eine selbständige Gemeinde geworden war. Welche eigenartige Struktur hatte die Gemeinde aber vorher besessen? Die Antwort auf diese Frage führt zu einem außergewöhnlichen Kapitel unserer Regionalgeschichte, das auch eine Erklärung für den fremd klingenden Namen des Ortes ergibt.
Waldenserort Perouse
Perouse wurde im Jahr 1699 von einer Gruppe von Waldensern gegründet, also Glaubensflüchtlingen aus abseits gelegenen Alpentälern. Etwa 3000 Personen zogen aus ihrer Heimat über die Schweiz nach Württemberg und baten hier den Herzog um Aufnahme. So entstanden mehrere Waldenserkolonien, von denen eine, nämlich Perouse, im Gebiet des heutigen Kreises Böblingen liegt. Genauer gesagt, ging es hierbei um die damalige Markung Heimsheim am Rande Württembergs, die im direkten persönlichen Besitz des Herzogs war.
Unter erheblichen Anfeindungen durften sich 71 völlig verarmte und geschwächte Familien mit 242 Personen am äußersten östlichen Zipfel der Markung Heimsheim niederlassen. Auf einem viel zu kleinen Gebiet, das aber weiterhin zur Stadt Heimsheim gehörte. Die Siedlung wurde Perouse genannt, nach dem savoyischen Heimatort Perosa. Ihr Gelände war nach den immer noch bestehenden Zerstörungen durch den Dreißigjährigen Krieg weitgehend verwildert, war fast waldlos, besaß keine sauberen Quellen. Und so entstand zwischen den Wäldern von Heimsheim, Flacht und Rutesheim die ärmste der Waldensersiedlungen.
Als aber 1823 die Kirchengemeinde Perouse in die württembergische Landeskirche aufgenommen wurde und in der Kirche nun nicht mehr französisch gepredigt wurde, reifte in dieser immer noch kleinen Gemeinde die Idee heran, sich von Heimsheim „freizukaufen“. Das geschah im Jahr 1839, weil genügend Geld angespart worden war.
Der Name der Waldabteilung „Welsches Feld“ erinnert an die besondere Geschichte des Waldenserortes Perouse. (Foto: Klaus Philippscheck)
Auch wenn die Gemeinde noch lange die ärmste in weitem Umkreis blieb, konnte man nun stolz an das Versteinen der nun ganz eigenen Markung gehen. Und da man jetzt endgültig ins württembergische Oberamt Leonberg integriert war, wurde auf die Grenzsteine nicht das Waldensersymbol, ein Leuchter, sondern das sachliche „P“ für Perouse gesetzt. Von diesen Steinen stehen noch überraschend viele und es wäre lohnenswert, sie systematisch zu kartographieren und zu pflegen. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die alte Perouser Markung zweigeteilt ist. Die westlich gelegene, unbebaute Exklave (siehe Karte) gehörte aber auch schon von Anfang an dazu – das zeigen sowohl die auch dort stehenden Grenzsteine mit ihrer Jahreszahl 1839 wie auch die dortigen französischen Flurnamen „Premier Ordon“ und „Asartas“, die noch immer gebraucht werden. (Zur Hauptmarkung gehören übrigens die Namen „Grand Orgon“, „Pinadelle“ und „A la Prisa“.) Die hier stehenden Steine tragen eine eigene Nummerierung. Mit dem sehr komplizierten Grenzverlauf am Südrand der „Exklave“, also am Naturschutzgebiet „Feuerbacher Heide/Dickenberg“, hat es zu tun, dass hier sehr viele Grenzsteine gesetzt werden mussten. Manchmal völlig versteckt im Gewirr der wilden Hecken dieser wunderbaren Landschaft, haben erfreulich viele der Perouser Grenzsteine „überlebt“ – schätzungsweise weit über die Hälfte der insgesamt etwa 200 Steine. Alle erzählen von der dramatischen Entstehung und der schwierigen Eingliederung der Waldensergemeinde Perouse – ein Stück europäischer Geschichte in der Stroh- und Heckengäulandschaft des Kreises Böblingen.
Die zweigeteilte Markung von Perouse. Ausschnitt aus der topographischen Karte 1:25.000, bearbeitet von K. Philippscheck (TK 7119 © Landesamt für Geoinformation, www.lgl-bw.de)
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors
Der Autor, Klaus Phlippscheck, war Lehrer in Sindelfingen und gehört zu den Mitbegründern des zeitreise-BB-Projektes. Seine Interessensschwerpunkte sind die Sindelfinger Stadtgeschichte, insbesondere die Webereigeschichte, sowie die Wiederentdeckung vergessener Sindelfinger Persönlichkeiten. Daneben arbeitete er auch zur Geschichte der Mühlen und der Grenzsteine im Landkreis BB.















