Barocke Persönlichkeit
Ein lebendiges Portrait des Vogtes zeichnete der ehemalige Herrenberger Stadtarchivar Roman Janssen: „Ein Mann durchaus seiner Zeit, des Hochbarocks, standesbewußt, von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt, sinnenfreudig, zugleich von großer Energie und Arbeitsamkeit und vor allem von einer gesunden Urteilskraft, dem Extremen abhold, fromm, aber nicht frömmlerisch“. In den vorhandenen Akten finden sich noch viele Spuren seiner amtlichen Tätigkeiten. „Ohne hier ins Einzelne gehen zu wollen“, resümiert Janssen, „lässt sich sagen, Parteilichkeit war nicht seinen Sache; (…) was er in barocken und oft langatmigen Formulierungen diktierte, ist in der Regel nüchtern eingeschätzt und menschlich abgewogen – Scharfmacherei lag ihm nicht.“
Bleibenden Anteil hat Heß übrigens an der Gestaltung des Herrenberger Stadtbildes. Als die Erneuerung der beiden baufällig gewordenen mittelalterlichen Türme der Stiftskirche anstand, machte er sich energisch für eine „große Lösung“ stark. Gegen alle Intrigen und Einwände des Magistrats setzte er sich letztlich durch. Seit 1749 verleiht eine barocke Zwiebelkuppel („welsche Haube“) der Stiftskirche ihr unverwechselbares Gepräge.
Unter den vielfältigen privaten Interessen des Vogtes kommt der Musik eine Sonderstellung zu. Nicht nur dass Heß ein eifriger Förderer der Kirchenmusik war, eine Musikschule gründete und selbst das Herrenberger Collegium Musicum leitete, zum Anlass der Vermählung des Herzogs Karl Eugen im Jahre 1748 komponierte er eine Operette, die er dem Herzog persönlich überreichen konnte und die den Titel „Lukretia“ trug. Leider ist das Werk, gegen das Dekan Johann Jakob Gmelin sogleich ein Verbot anstrengte, – es war ihm „zu weltlich“ -, bis heute verschollen.
Komplexes Geschichtswerk – die Heß’sche Chronik
Sein Hauptverdienst aus heutiger Sicht ist und bleibt die „Heß’sche Chronik“. Das komplexe Gesamtwerk ist, wie Roman Janssen herausstreicht, auf drei Ebenen entstanden. „Am Anfang scheinen zeitgeschichtlich chronikale Einträge gestanden zu haben, welche sich dann rückschreitend zu einer umfassenden echten Chronik von Stadt und Amt, dann Württembergs und des Reiches ausweiteten. In einem zweiten Teil hat Heß die Geschichte systematisch hinsichtlich Verfassung, Institutionen und nach Möglichkeiten biographisch zu den Amtsträgern aufgearbeitet. Schon sehr früh muss auch sein genealogisches Interesse erwacht sein. Diesem sehr umfangreichen Part (…) verdankt er sein hohes Ansehen in der württembergischen Familienforschung.“ Heß hat sich auch stets bemüht, ihm wichtig erscheinende Quellen als Abschrift der Nachwelt zu überliefern.
Wer heute die Heß’sche Chronik zu Rate ziehen will, greift in der Regel auch zu einer der beiden Abschriften. Die eine befindet sich in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart, die andere im Herrenberger Stadtarchiv. Die 2800 eng beschriebenen Folioseiten des Originals stellen dagegen an den Leser so hohe handschriftenkundliche Anforderungen, dass, wie Stadtarchivar Janssen augenzwinkernd bemerkt, „der Schwung des wissenschaftlichen Nachwuchses regelmäßig nach einer ersten Inaugenscheinnahme erlahmte“. Keine besondere Wertschätzung fand die Chronik übrigens bei seiner Frau Justina Dorothea. Nach dem Tod des Vogts, wollte sie das Werk an einen Trödler verkaufen, was der Stadt- und Amtsschreiber Johann Jakob Krafft gerade noch rechtzeitig verhindern konnte.
Gottlieb Friedrich Heß verstarb, vermutlich in Folge eines Schlaganfalls, am 13. Januar 1761. Mit seinem Testament rief er eine Studienstiftung ins Leben. Seine Gattin Justina Dorothea überlebte ihn um 21 Jahre. Nach ihrem Tod am 14. 2. 1782 vermachte auch sie ihr Vermögen wohltätigen Zwecken. Die beiden Heß’schen Stiftungen bestanden bis 1909.