Ein Kapitel Industriegeschichte – der Böblinger „Klemmbau“
Nachdem zunächst Sindelfingen zum neuen Mittelpunkt der Deutschen Hollerith (DEHOMAG) geworden war, begann fünf Jahre später auch in Böblingen die „Morgenröte des Informationszeitalters“.1950 erwarb die IBM das noch vom Krieg mitgenommene Gebäude der ehemaligen Klemm-Flugzeug-Fabrik an der Sindelfinger Straße.
Wer Böblingen heute über die Eisenbahnbrücke in Richtung Sindelfingen verlässt, fährt an der Niederlassung der zum Daimler-Konzern zählenden Firma SMART vorbei. Dem heutigen Gebäudekomplex sieht man es so nicht mehr an, aber der Industriestandort an der Sindelfinger Straße gehört zu den geschichtsträchtigsten der Region.
Bereits 1912 hatte ein Schraubenfabrikant hinter der Bahnüberführung einen Industriebau aus Backstein mit den zeittypischen Sheddächern errichtet. Nachdem dort kurzzeitig eine Strumpffabrik eingezogen war, übernahmen 1917 die Contessa-Werke die Anlage. Ursprünglich eine „Fabrik photographischer Apparate“, produzierte Contessa damals kriegsbedingt Minenzünder. Nach dem 1. Weltkrieg verlegte Contessa die Produktion von Fotozubehör nach Böblingen. Mit seinen großen, horizontal ausgerichteten Fensterreihen entsprach der 1925 bezogene Neubau ganz dem zwischen 1900 – 1910 in den USA entwickelten Typus einer modernen Tageslichtfabrik. Zeitweise arbeiteten an die 400 Frauen bei „der Gräfin“. Nachdem Contessa in der Zeiss-Ikon-AG aufgegangen war, wurde der Betrieb 1932 geschlossen. Bereits 1930 hatte die Stadt dort Räume angemietet, um dem Schweizer Künstler und Flugzeugpionier Alexander Soldenhoff mit seiner Aero-Gesellschaft den Bau von schwanzlosen Flugzeugen zu ermöglichen. Soldenhoff musste schon nach einem Jahr wieder aufgeben. Der nächste Nutzer war die Firma Hanns Klemm, die in den 30er Jahren Teile ihrer Flugzeugproduktion hierher verlegte. Nach Kriegsende wurden die Werksanlagen demontiert und die Räume übergangsweise mit ehemaligen „Fremdarbeitern“ belegt.
Böblingen wird 1952 Sitz der Hauptverwaltung
Im traditionsreichen „Klemmbau“ nahm die IBM im Jahre 1950 die Produktion auf. Bis 1960 diente er als Montagewerk, einige Zeit war auch die Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter hier untergebracht. „In den 50er Jahren“, so Erich Kläger, „war der Klemmbau eine typische Fabrik jener Zeit: Transmissionsriemen und lärmende Maschinen bestimmen das Bild; im unteren Stock war der Großmaschinenbau untergebracht, darüber Locherbau (für die Hollerith-Datenverarbeitungssysteme), Auftragsabeilung, Kopieranstalt und Konstruktionsbüro“.
1952 siedelten auch die Geschäftsleitung und die Hauptverwaltung der IBM von Sindelfingen in den Klemmbau nach Böblingen über. 20 Jahre lang diente der in den 60er Jahre modernisierte Bau der IBM Deutschland als Sitz der Hauptverwaltung. 1972 wurde sie auf den sog. „Eiermann-Campus“ nach Stuttgart-Vaihingen verlegt. Auf dem Areal entstand ein neues Rechenzentrum.