Denkmal der Reformation in der Weissacher Ulrichskirche

Luther und der Schwan

Die Wehrkirche in Weissach gehört zu den bekanntesten Baudenkmälern unserer Region. Das um das Jahr 1500 erbaute Kirchenschiff stammt noch aus vorreformatorischer Zeit. Das Innere birgt allerdings eine Überraschung. Auf der südlichen Kirchenwand befindet sich eine große Darstellung des Reformators Martin Luther, der hier – einer alten protestantischen Bildtradition folgend – zusammen mit einem Schwan abgebildet ist. Ein Motiv, das den Betrachter ganz unvermittelt in die Zeit der Reformation zurückführt.

Autorin: Susanne Kittelberger

Als im Jahr 1534 der württembergische Herzog Ulrich den evangelischen Glauben annahm, mussten es ihm auch seine Untertanen in Weissach gleich tun. In der Ulrichskirche wurde der Gottesdienst von nun an nach protestantischem Ritus gefeiert. Tatsächlich ist der große deutsche Reformator Martin Luther hier in ganz besonderer Art und Weise geradezu körperlich präsent. Seitdem nämlich bei einer Ende der 1970er Jahre durchgeführten Kirchenrestaurierung Reste der alten Wandbemalung unter dem Putz hervorgeholt wurden, ist seine mächtige Gestalt im oberen Drittel der südlichen Wand des Kirchenschiffs nicht mehr zu übersehen.

Gelehrtenportrait mit Schwan – Das Weissacher Lutherbild

Überlebensgroß und streng frontal ist Luther dort dargestellt. Eingehüllt in einen fast bodenlangen schwarzen Mantel steht er mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Die Füße stecken in derben brauen Stiefeln, in seinen Händen hält er eine aufgeschlagene Bibel, die er den Betrachtern entgegen streckt. Über seinem Kopf befindet sich die Inschrift: „Gottes Worte und Luthers Lehr vergehet nicht“. – Wer die Gestalt Luthers bisher noch nicht erkannt hatte, der weiß spätestens jetzt, mit wem er es zu tun hat. Rechts neben ihm steht etwas nach hinten versetzt ein weißer Schwan. Über ihm ist in großen Lettern der Name des Stifters „Johann Jakob Steinweg“ angebracht, wobei das große M vor seinem Namen darauf verweist, dass er den akademischen Titel eines „Magisters“ führte.

Die Darstellung Luthers auf dem Weissacher Wandbild, – stehend im schwarzen Gelehrtenmantel, mit rotem Unterkleid und weißem Kragen sowie einem Buch in den Händen -, entspricht genau einem Bildnistyp, den die berühmte Werkstatt des Malers Lukas Cranach des Jüngeren schon zu Lebzeiten des prominenten Theologen entwickelt hatte. Als Basis diente dabei die über viele Jahrhunderte entwickelte Tradition der Darstellungen der sogenannten Kirchenväter. Was allerdings überrascht und heutige Betrachter zunächst zum Schmunzeln bringt, ist dagegen die Kombination Luthers mit einem tierischen Attribut, dem Schwan.




Luther und der Schwan. Wandbild in der Weissacher Ulrichskirche an der Südwand des Kirchenschiffs. Der evangelische Pfarrer von Weissach, Johann Jakob Steinweg, stiftete das Gemälde zwischen 1714 und 1723 wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum von 1717. (Bild: Susanne Kittelberger)

Motiv der Reformationserinnerung

Ein kulturhistorischer Blick auf die Geschichte der Darstellungen und Portraits des Reformators Martin Luther zeigt, dass das Motiv „Luther und der Schwan“ in theologisch gebildeten Kreisen lange Zeit ein geläufiger Bildtyp war. Über die Druckgrafik wurde es rasch verbreitet und war bis weit ins 18. Jahrhundert hinein sogar das häufigste Motiv der Reformationserinnerung. Im 19. Jahrhundert kam es dann allerdings aus der Mode und verschwand buchstäblich von der Bildfläche.

Eine der ältesten bekannten Darstellungen Luthers mit dem Schwan befindet sich heute noch in der Hamburger Hauptkirche St. Petri. Besonders im norddeutschen Raum war diese Bildtradition in evangelisch-lutherischen Gemeinden weit verbreitet und nicht umsonst zieren dort sogenannte „Lutherschwäne“ zahlreiche Kirchturmspitzen. Das Hamburger Ölgemälde stammt aus dem Jahre 1603. Auch hier hält Luther eine aufgeschlagene Bibel in der linken Hand und weist den Betrachter mit der rechten auf die Kernstelle Johannes 3,16: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Die Gans und der Schwan

Die Anregung, Luther zusammen mit einem Schwan darzustellen, geht auf den Reformator selbst zurück. Luther berief sich im Sinne einer geistigen Nachfolge gerne auf den böhmischen Theologen und Reformator Jan Hus (um 1370-1415), dessen Name „Hus“ auf Deutsch Gans bedeutet. Kurz bevor Hus während des Konstanzer Konzils im Jahre 1415 als Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, soll er in Anspielung auf seinen Namen gesagt haben: „Ihr bratet jetzt eine Gans, Gott wird aber einen Schwan erwecken, den werdet ihr nicht brennen noch braten“. 1

Mehr als 100 Jahre später griff Luther das Bild des Schwans bewusst wieder auf und bezog es auf seine Person. Auch bei Luthers Leichenpredigt 1546 in der Wittenberger Schlosskirche hat der Reformator Johannes Bugenhagen genau auf dieses Motiv zurückgegriffen und so vermutlich entscheidend zur Entwicklung des Luther-Schwan-Bildtypus beigetragen.

Auch in Kirchen im württembergischen Raum muss das Motiv einst verbreitet gewesen sein. Die älteste bekannte Darstellung findet sich heute in der Langenbrettacher Wehrkirche St. Peter und Paul (Hohenlohekreis). Das Wandgemälde soll möglicher Weise aus dem Jahre 1591 stammen und wäre damit noch älter als das Hamburger Bild. Weitere Beispiele finden sich in Plochingen, Freiberg am Neckar-Beihingen (Lkr. Ludwigsburg), Bad Überkingen (Lkr. Göppingen), Strümpfelbach und im Weissacher Nachbarort Flacht.

Denkmal des Reformationsjubiläums 1717

Das Weissacher Wandbild entstand ziemlich sicher im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum im Jahre 1717. Damals jährte sich der berühmte Thesenanschlag zum 200. Mal und in den Kirchen des Landes finden sich ab jetzt vermehrt künstlerische Spuren des Reformationsgedenkens. In der zum Jubiläum 2017 erschienen Aufsatz „Wie Luther auf den Sockel kam – Denkmale des Reformations- und Luthergedenkens vom 17. bis 20. Jahrhundert“ ist der Denkmalpfleger Jörg Widmaier diesem künstlerischen Phänomen nachgegangen. Dabei hat er sich auch mit dem Weissacher Bild und seinem Stifter beschäftigt.

Zwischen 1714 und 1723 war Johann Jakob Steinweg, der Stifter des Lutherbildes, Pfarrer der Weissacher Ulrichskirche. Steinweg hatte in Maulbronn und Tübingen evangelische Theologie studiert. Laut Widmaier gehörte er zur lutherischen Geistlichkeit, die dem Reformationsfest große Bedeutung zumaß. Auch die beigefügte Inschrift spricht für einen Reformationsbezug. Indem Luthers Lehre hier nun gleichberechtigt neben das Wort Gottes gestellt wird, komme, so Widmaier, dem auf Luther bezogenen Glauben „eine besondere gottgegebene Qualität zu. Luther wurde als Werkzeug Gottes aufgefasst und so zu einem Symbol für den wahren Gottesglauben.“2

Somit ist das Weissacher Bild nicht nur ein interessantes Zeugnis für das Reformationsgedenken, sondern auch für die immer stärker werdende Lutherverehrung, die nun selbst Züge eines Heiligenkults annahm.




Luther mit dem Schwan, 175 cm hohes Wandbild in der Langenbrettacher St. Peter und Pauls-Kirche, vermutlich 1597 von David Ebermann aus Neuenstadt gemalt. Neben Luther steht Johannes der Täufer. (Foto: Kirchengemeinde Brettach).

Wandmalereien in der Weissacher Ulrichs-Kirche

Während der Renovierungsarbeiten zwischen 1977 bis 1982 wurden in der Ulrichskirche mehrere Wandgemälde aufgedeckt. Auf der Südwand, links neben Luther, befinden sich einige gelb umrahmte, wohl gegen Ende des 16. Jahrhunderts entstandene Bibelszenen: Sündenfall, Cherub als Paradieswächter, Jakobs Kampf mit dem Engel und ein Gethsemane-Bild. Gegenüber auf der Nordwand sind über der Empore die ebenfalls mit einem gelben Rahmen versehenen Figuren der Apostel Paulus und Petrus zu sehen. In der Laibung des ersten Südfensters ist Johannes mit dem Lamm dargestellt.

Siehe hierzu auch: http://kirchenwandmalereien.de/html/weissach-3.html

Interessante Wandmalereien wurden bei Renovierungen Ende der 1970er Jahre auch in Kirchen in Deufringen und in Münklingen freigelegt.


Links zum Thema Luther und der Schwan

Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg): Kulturdenkmale der Reformation im deutschen Südwesten. Zusammengestellt von Grit Koltermann und Jörg Widmaier; mit Beiträgen von Reinhard Lambert Auer, Andreas Dubslaff, Gotthard Kießling, Grit Koltermann, Birgit Kulessa, Dominik Gerd Sieber, Birgit Tuchen und Jörg Widmaier. Esslingen 2017.

Jörg Widmaier: Wie Luther auf den Sockel kam – Denkmale des Reformations- und Luthergedenkens vom 17. bis 20. Jahrhundert. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3/2017, S. 177 – 183.

Wikipedia-Eintrag zum Symbol des Schwanes

Zum Luther-Bild in der Hamburger Petrikirche

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Referenz

Referenz
1 Zitat aus „Leichenpredigt der feierlichen Beerdigung unseres unsterblichen Reformators Dr. Martin Luther gehalten am 22sten Februar 1546 in der Schloßkirche zu Wittenberg von (Johannes) Bugenhagen, Dr. und Pfarrer daselbst“. Berlin 1843, S.10. http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10606116_00005.html
2 Jörg Widmaier, „Wie Luther auf den Sockel kam – Denkmale des Reformations- und Luthergedenkens vom 17. bis 20. Jahrhundert“. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3/2017, S. 179.