Auf den ersten Blick scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Stetig dreht sich im idyllischen Strudelbachtal das Wasserrad der Weissacher Ölmühle wie vor 160 Jahren. Dass dabei kein Öl, sondern Strom gewonnen wird, ist das i-Tüpfelchen einer fast zehnjährigen Restaurierung und Sanierung des Mühlenareals, in dem sich Historie und Moderne zu einem harmonischen Ensemble verbinden.
Lichtgeflutet präsentiert sich das Architekturbüro von Hansulrich Benz im zweiten Obergeschoss, im ehemaligen Saatenspeicher des Mitte 19. Jahrhunderts erbauten Mühlengebäudes. Jenseits der Glasfront, die an der Westseite die Sicht durch die Holzkonstruktion des Fachwerks frei gibt, weiden Schafe hangaufwärts. Der Blick aus dem gegenüberliegenden Fenster führt in die Tiefe über den mit viel Grün gesäumten gepflasterten Hof. „Als ich 1994 das Anwesen in fünfter Generation von meiner Großtante übernahm, war dort eine einzige Asphaltwüste“, erinnert sich der 40-jährige Hausherr.
Damals war das Gelände, seit 20 Jahren als Psycho-Soziales-Heim verpachtet, heruntergewirtschaftet. Heute manifestiert sich, wie im Büro, überall im fast vier Hektar großen Areal das Credo des Architekten, der sich nicht nur für die Gestaltung der Gebäude, sondern auch der Erhaltung und Weiterentwicklung von Kultur- und Landschaftsräumen verbunden fühlt. „Mühlen sind in ihrer topografischen Lage eindeutig definiert. Die Einbettung in der Landschaft wird durch die Wasserführung erlebbar. Es war für mich Teil der architektonischen Gesamtkonzeption, diese eindeutigen Strukturen zu erhalten.“ Dabei war es ihm wichtig, die historischen Mühlen- und Wohngebäude nicht Tod zu sanieren, sondern durchgängig mit viel Liebe zum Detail deren alte Strukturen fühlbar zu machen. Verlorene Substanz wurde mit handwerklichen Individuallösungen an die heutigen Anforderungen angepasst, wie beispielsweise die feingliedrigen Fenster, die sich widerspruchslos in die Fassade einfügen oder die Balkone und Anbauten, die als Applikationen zum Baukörper deutlich spürbar sind.