Ein Werk Heinrich Schickhardts

Das Pfarrhaus in Hildrizhausen

Das Hildrizhausener Pfarrhaus ist nicht nur eines der stattlichsten Gebäude am Ort, es ist auch mit einem großen Namen verbunden. Errichtet hat es der berühmte Herrenberger Baumeister Heinrich Schickhardt. Baubeginn war vermutlich 1606. Fertig gestellt wurde es wohl erst 1610.

Autorin: Susanne Kittelberger

Heinrich Schickardt (1558-1635) hat in unserer Region vielfältige Spuren hinterlassen. Während das Schloss im nahe gelegenen Mauren in der Bombennacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 bis auf die Erdgeschoßmauern abbrannte, hatte das Hildrizhausener Pfarrhaus mehr Glück. Obwohl damals im Ort 49 Wohngebäude und 53 Scheunen zerstört wurden, steht es immer noch an seinem alten Platz schräg gegenüber der Nikomedeskirche in der Hölderlinstraße 12. Allerdings wurde es im Laufe seiner über 400jährigen Geschichte mehrfach verändert. Die unsymmetrische, ein wenig eigenwillige Form des sog. „Frackdaches“ mit seinen verschieden langen und unterschiedlich geneigten Dachflächen geht so jedenfalls nicht auf Schickhardt zurück. Sie ist das Ergebnis späterer Umbauten, bei dem das zweite Obergeschoß offenbar nur auf der linken Traufseite zum Vollgeschoß ausgebaut wurde.

1608 übernimmt Schickardt die Bauleitung

Heinrich Schickhardt gilt heute als der wichtigste Baumeister der Renaissance in Südwestdeutschland. Nachdem im April 1608 der fürstliche Oberbaumeister Niklas Vischlin gestorben war, wurde Schickhardt vom württembergischen Herzog Johann Friedrich zum Nachfolger als Landbaumeister ernannt und aus der Grafschaft Mömpelgard, dem heutigen Montbéliard, zurück nach Stuttgart beordert.

So verwundert es nicht, dass in den historischen Aufzeichnungen über das Hildrizhausener Pfarrhaus zu Beginn der Bauarbeiten Niklaus Vischlin genannt wird. Dieser hatte auch einen ersten Baukostenüberschlag erstellt und vermutlich das massive Erdgeschoss errichtet. Nach dessen Tod übernahm Schickardt die Überwachung der weiteren Bautätigkeiten. Unter seiner Planung entstand dann der mehrstöckige Fachwerkaufbau – eine der vielen „Routineaufgaben“, mit denen sich der frisch gekürte Landbaumeister von nun an zu beschäftigen hatte.

Im Landesarchiv Baden-Württemberg werden heute noch zwei Schreiben des geistlichen Verwalters von Herrenberg, Johann Christian Lutz, aus dem Jahre 1610 aufbewahrt. Darin geht es um die Abrechnung des neuerbauten Pfarrhauses und um einen Vergleich der Kostenveranschlagung von Vischlin und Schickardt. Leider ist die Baugeschichte des Pfarrhauses in Hildrizhausen über schriftliche Quellen nicht mehr weiter dokumentiert. Sicherlich ist hier der Grund zu suchen, weshalb der Bau in der Literatur über Heinrich Schickhardt bisher kaum größere Beachtung fand.1

Einer der ersten Bewohner des Hildrizhausener Pfarrhauses war zwischen 1613 und 1622 Pfarrer Bartholomäus Eyselin, der sich auch als Verfasser einer Chronik von Hildrizhausen und Herrenberg einen Namen gemacht hat.




Das Pfarrhaus in Hildrizhausen wurde von Heinrich Schickhardt erbaut. Die eigenwillige Dachform ist allerdings das Ergebnis späterer Umbauten. (Foto: Susanne Kittelberger)

Das Pfarrhaus als Bauaufgabe

Als prägende kulturgeschichtliche Institution ist das evangelische Pfarrhaus aus der nachreformatorischen Geschichte Württembergs nicht wegzudenken. Von soziologischer und kulturwissenschaftlicher Seite wurde das Thema schon oft untersucht. Von der Bau- und Architekturgeschichte wurde das Thema überraschender Weise erst relativ spät aufgegriffen.

Ein Dreivierteljahrhundert nach Einführung der Reformation in Württemberg gehörte aber gerade der Bau von Pfarrhäusern zu den vielfältigen Aufgaben, denen die herzoglichen Baumeister gerecht werden mussten. In Nufringen wurde bereits 1599 von Elias Gunzenhäuser ein neues Pfarrhaus errichtet und Schickardt plante ein paar Jahre später auch das Pfarrhaus in Tailfingen (1614). Dieser Bau ist durch Archivalien und Pläne deutlich besser dokumentiert. Über die Internet-Seiten des Landesarchivs Baden-Württemberg können die Pläne direkt eingesehen werden. Sie vermitteln ein anschauliches Bild davon wie detailliert der Baumeister selbst Details wie Plumpsklo, Herd und Ofen in seine Grundrisse eingezeichnet hat.

Der Rottenburger Archäologe und Bauforscher Tilmann Marstaller hat das Hildrizhausener Pfarrhaus zum 400-jährigen Jubiläum näher unter die Lupe genommen. Da die originale Aufteilung des giebelständigen Gebäudes im Innern durch die vielen Umbauten heute kaum noch nachvollziehbar ist, hat er andere von Schickardt erbaute Pfarrhäuser zum Vergleich herangezogen. Dadurch gelangte er zu der Erkenntnis, dass Schickardt für diese Bauaufgabe eine Art Grundrissschema entwickelt hat, das er den meisten von ihm geplanten Pfarrhäusern zu Grunde legte.2Der vielbeschäftigte Landbaumeister dachte modern und ökonomisch. Ohne diese Eigenschaft wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen, die enorme Fülle von Projekten und Bauvorhaben im ganzen Land zu bewältigen.




Archivalie aus dem Stuttgarter Haupstaatsarchiv zum Bau des Hildrizhausener Pfarrhauses. Enthält: zwei Schreiben von Johann Christoph Lutz, Geistlicher Verwalter in Herrenberg, an Schickhardt bzw. den Herzog Johann Friedrich von Württemberg über die Abrechnung des neuerbauten Pfarrhauses in Hildrizhausen im Vergleich zum Kostenvoranschlag von Niclaus Vischlin (2 Folio Doppelblatt), 5. Februar und 5. März 1610. (Bild: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart N 220 A 119 Bild 1. Permalink zum Archivalienviewer

Links und Literaturhinweise

Archivalien zum Hildrizhausener Pfarrhaus des Stuttgarter Haupstaatsarchivs – Permalink zum Medienviewer

Renate Mehnert: „Haus mit Frackdach – 400 Jahre Pfarrhaus in Hildrizhausen – Von Schickhardt erbaut“. In: Gäubote – Die Herrenberger Zeitung

900 Jahre Hildrizhausen – Reise durch 900 Jahre lebendige Geschichte unserer Gemeinde. Hrsg.: Gemeinde Hildrizhausen, 2015, Text: Brigitte Popper, Redaktion: Marcello Lallo (ISBN 978-3-00-047637-2).

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Referenz

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1 Siehe hierzu auch 900 Jahre Hildrizhausen – Reise durch 900 Jahre lebendige Geschichte unserer Gemeinde“, Hrsg.: Gemeinde Hildrizhausen 2015, Text: Brigitte Popper, Redaktion: Marcello Lallo, S. 22.
2 Siehe hierzu den Artikel im Herrenberger Gäuboten „Haus mit Frackdach. 400 Jahre Pfarrhaus Hildrizhausen – Von Schickardt erbaut“.