Der Schickhard-Bau wurde 1945 zerstört

Das Mötzinger Schloss

Viel ist von der Mötzinger Schlossherrlichkeit nicht mehr übrig – aber noch immer ist das „Schloss“ in aller Munde. Tatsächlich gehörte das auf Heinrich Schickhardt zurückgehende Landschloss mit seinem großen Garten über 350 Jahre lang zu den wichtigsten Dominaten im historischen Ortskern von Mötzingen. Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es größtenteils zerstört und auf den Ruinen ein unscheinbarer Nachkriegsbau errichtet. Doch noch immer ist das „Schloss“ ein geschichtsträchtiger Ort, der an die reichritterliche Vergangenheit Mötzingens erinnert.

Autorin: Susanne Kittelberger

Es waren die letzten Tage des 2. Weltkrieges. Im Oberen Gäu war die militärische Lage völlig unübersichtlich. Abziehende deutsche Soldaten und einmarschierende französische Truppen lieferten sich immer wieder Gefechte und zogen abwechselnd durch die Dörfer. Es gab Tote auf beiden Seiten und die Zivilbevölkerung geriet buchstäblich zwischen die Fronten.
Zwischen die Fronten geriet damals auch das Mötzinger Schloss. Vermutlich waren es sogar abziehende deutsche Truppen, die das altehrwürdige Gebäude von Eckenweiler aus in Brand schossen und dadurch zu weiten Teilen zerstörten.1Mitte der 1950er Jahre entstand auf der Ruine ein massives zweigeschossiges Wohnhaus mit Walmdach: das neue Mötzinger Schloss. Hier betrieb die Familie Hiller über 35 Jahre lang eine Metzgerei. Kurz vor Beginn der 2007 angelaufenen Ortskernsanierung konnte die Gemeinde das geschichtsträchtige Gebäude erwerben und richtete dort im Erdgeschoss eine Bücherei ein. Auch ein Bürgerzentrum könnte man sich hier für die Zukunft gut vorstellen. Auf der Homepage der Architekten Dausacker / Wohlfarth, die in Absprache mit der Landesdenkmalpflege die Sanierung durchführten, kann man bereits weitergehende Entwürfe einsehen, die so zunächst nicht verwirklicht wurden – auch weil Metzgermeister Hiller damals im ersten Stock des Schlosses lebenslanges Wohnrecht genoß und ein umfassender Umbau wohl in die Millionen gehen würde.




Das „Schloss“ in Mötzingen – Ansicht aus dem Jahre 2018. (Foto: Susanne Kittelberger)

Der Schickhardt-Bau

Nicht nur für das Mötzinger Ortsbild war der nahezu vollständige Verlust des Schlosses ein einschneidendes Ereignis. Auch baugeschichtlich ist dies sehr bedauerlich, wird doch das Mötzinger Schloss in der Literatur immer wieder als eines der ersten eigenständigen Werke des württembergischen Baumeisters Heinrich Schickhardt (1558-1635) geführt. Erbaut wurde es zwischen 1580 und 1584 zu einer Zeit, als Schickhardt noch als Gehilfe von Hofbaumeister Georg Beer am Stuttgarter Lusthaus arbeitete. Schickhardt berichtete später in seinem Werkverzeichnis, er habe „ ohngever anno 1580“ für das neu zu erbauende Schloss von Hans Burkhard von Anweil in „Metzingen im Gay“ Pläne gemacht und das Gebäude sei auch kurz darauf erbaut worden.2

Das ehemalige Mötzinger Schloss war ein massiver dreigeschossiger Bau mit großem Vollwalmdach auf rechteckigem Grundriss, dem auf der Nordseite eine zweiläufige Freitreppe vorgelagert war.3Der Bau dürfte dem 1617 erbauten Landschlösschen in Mauren geähnelt haben, das den Zweiten Weltkrieg ebenfalls nur als Ruine überlebt hat oder dem Wasserschloss in Ammerbuch-Poltringen, das Schickhardt nach 1613 in eine quadratische Vierflügelanlage im Renaissancestil umbaute. Bei seinen kleinen Schlössern für den Landadel griff Schickhardt auf einen traditionellen Bautyp zurück, der bereits von seinen Vorgängern Aberlin Tretsch und Blasius Berwart verwendet worden war.4Dabei handelt es sich um Weiterentwicklungen des mittelalterlichen Typs des „festen Hauses“ oder der sog. „Edelhöfe“, die gerne innerhalb oder am Rande von Ortschaften erbaut wurden und sich als Wohnsitz beim niederen Adel großer Beliebtheit erfreuten.



Das Mötzinger Schloss vor seiner Zerstörung. (Foto aus: R.Brixner, S.Bertsch,T.Sprißler: Mötzinger Bildebogen, Horb a.N. 1998, S. 95)

Tatsächlich zeigen vor dem Brand 1945 aufgenommene Fotos ein stattliches, aber schmuckloses Gebäude, an dem der Zahn der Zeit deutliche Spuren hinterlassen hatte. Von den Kriegszerstörungen war vorwiegend der östliche Gebäudeteil betroffen. Dieser Bereich wurde später auch gar nicht mehr überbaut. So kommt es, dass nach der Gebäudesanierung die ehemalige östliche Außenwand des Schlosses heute wieder bis auf Höhe des 1. Stocks freistehend sichtbar ist, nachdem sie zuvor in eine angebaute Scheune integriert war. Unter dem wieder aufgebauten westlichen Gebäudeteil befindet sich noch ein Gewölbekeller, der in seinen Außenwänden ebenfalls Reste vorangegangener Bebauung enthält. Im Erdgeschoss haben sich vor allem die Außenwände sowie im Westteil einige Innenwände sowie Tonnen- und Kreuzgratgewölbe erhalten. Aus den der Denkmalpflege vorliegenden Aufmaß-Plänen, die 1946 von der Ruine erstellten wurden, geht offenbar hervor, dass nach dem Zweiten Weltkrieg noch wesentlich mehr alte Bausubstanz vom Schloss vorhanden war als heute. Erst mit dem Aufbau des heutigen Wohngebäudes in den 1950er Jahren wurden die Reste des 1. und 2. Obergeschosses abgetragen.5Auch der ehemals nach Südosten anschließende Garten des Schlossgutes, der früher zum Ortsrand hin in die freie Landschaft überging, wurde nach dem Krieg zum großen Teil überbaut.



Luftbild von Mötzingen vor 1945 mit dem noch unzerstörten Schloss und noch weitgehend unbebautem Schlossgarten. (Foto aus: R.Brixner, S.Bertsch,T.Sprißler: Mötzinger Bildebogen, Horb a.N. 1998, S.106)

Wappenrelief erinnert an ritterlichen Auftraggeber

Bei allen Verlusten ist es ein kleiner Trost, dass sich in dem vermauerten einstigen Kellereingang an der Nordseite noch ein beeindruckend großes, in Stein gehauenes Wappen von Schickhardts einstigem Auftraggeber, Hans Burkhardt von Anweil (um 1531-1593) erhalten hat. Es datiert auf das Jahr 1592 und zeigt in der Helmzier einen Fuchs als Wappentier, während sich im sog. Schild ein Hirsch und eine Hirschstange – wohl ein Hinweis auf die württembergischen Landesherren – befindet.

Für das Mittelalter nennen die Chroniken für Mötzingen zahlreiche, ständig wechselnde Ortsherren, – u.a. die Pfalzgrafen von Tübingen und die Grafen von Hohenberg. 1571 wurde Junker Hans von Rodenstein als Inhaber des Schlosses erwähnt, dessen Familie bereits seit dem 15. Jahrhundert der Vogtei vorstand.6Es muss sich dabei um den mittelalterlichen Vorgängerbau des Schickhardt’schen Schlosses gehandelt haben. 1580 wurde der Ort von den letzten Rodensteinern an den Bischof von Speyer verkauft, der ihn bereits 1581 an den Herzog von Württemberg weiter veräußerte.7

Seit 1576 bekleidete Hans Burkhard von Anweil das Amt des Herrenberger Obervogts. Als herzoglicher Rat und Beisitzer am Hofgericht in Tübingen gehörte er zur Elite der herzoglich-württembergischen Landesverwaltung. Zum Dank für seine Dienste wurden er und seine Nachkommen von Herzog Ludwig 1582 mit Gütern und Rechten in Mötzingen belehnt. Das Rittergut Mötzingen gehörte zum ritterschaftlichen Kanton Neckar-Schwarzwald.8Die Herren von Anweil stammten ursprünglich aus dem Thurgau. 1524 hatten sie sich der Reformation angeschlossen und waren daraufhin nach Württemberg ausgewandert.

Die Pläne für den Neubau eines standesgemäßen modernen Adelssitzes hatte Burkhard von Anweil bereits 1580 bei Schickhardt in Auftrag gegeben. Sein um 1585 von Hans Ulrich Alt gemaltes Portrait befindet sich heute im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart und zeigt einen selbstbewussten, stattlichen Mann in den besten Jahren. Kurz danach heiratete er vermutlich seine zweite Frau, Katharina von Stockheim, und auch das von Schickhardt neu geplante Schlösschen in Mötzingen dürfte zu dieser Zeit bezugsfertig gewesen sein.



Wappen der Familie von Anweil mit Jahreszahl 1592 am ehemaligen Mötzinger Schloss. (Bild: Susanne Kittelberger)

1686 trennte sich die Familie von Anweil wieder von ihren Mötzinger Besitzungen und verkaufte sie an die herzogliche Rentkammer. Die Ortsherrschaft wurde nach und nach in ihren Rechten reduziert und umfasste 1692 nur noch das Schloss und die niedere Gerichtsbarkeit.9Die Oberamtsbeschreibung von 1855 nennt die nachfolgenden adeligen Besitzer, die klangvolle Namen wie von Sommaripa, von Leiningen, von Göllnitz und von Normann führten, aber allesamt das Schlossgut nicht lange in ihrem Besitz hielten. Eine „letzte Glanzzeit“10 erlebte das Schloss unter Graf Philipp Christian Friedrich Freiherr von Normann-Ehrenfels (1756-1817). Der maßgeblich am Aufbau des Königreichs Württemberg beteiligte Staatsminister, zog sich 1812 aus gesundheitlichen Gründen von seinen Ämtern zurück und lebte bis 1815 auf Schloss Mötzingen, wo er sich der Verwaltung seiner Güter und seiner Familie widmete.
1817 wechselte das Mötzinger Schlossgut dann endgültig in bürgerlichen Besitz über und wurde unter verschiedenen Eigentümern aufgeteilt. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte es zum Teil der Familie Hiller.

Das solch häufige Besitzerwechsel dem Gebäude nicht unbedingt zuträglich waren, kann man sich vorstellen. Es wäre durchaus denkbar gewesen, dass das Mötzinger Schloss ein ähnliches Schicksal ereilt hätte wie das Untere Schloss in Ehningen – auch ein Schickhardt-Bau –, das im 19. Jahrhundert als Abbruchmasse veräußert wurde. In seiner Beschreibung Mötzingens schrieb Eduard Paulus jedenfalls 1855 über das Schloss: „Dieses in einem einfachen Styl erbaute Gebäude ist sowohl in seinem Innern als Äußeren sehr herunter gekommen und hat nichts Bemerkenswerthes.“

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Genaueres erfahren wir aus den 1913 verfassten „Beiträgen zu Ortschronik von Mötzingen” von Julius Rieder:

1865 erbte Heinrich Kußmaul, Schwiegersohn des Christian Hiller, das halbe Schloss. Die andere Hälfte erwarb er durch Kauf von Jakob Kleiner. Dieser neue Besitzer nahm im gleichen Jahr eine Renovation des Schlosses vor, die allerdings eher einer Verwüstung desselben durch Einbau von Scheune und Stallung (ein Eckstein trägt die Jahreszahl 1865 als Jahr der Renovation) gleichkommt.” (… ) Von der früheren Einrichtung des Schlosses ist durch die oben erwähnte Renovation nur noch sehr wenig erhalten. Die Grundform blieb ja wohl dieselbe, doch sind die charakteristischen Merkmale alter Schlösser, wie Freitreppe und Gänge sofort verschwunden. Erhalten sind, allerdings in schlechtem Zustande, Wappen, Böden, Decken (übertüncht), Fensteröffnungen und -verkleidungen, Fenster, Dachgebälk im westlichen Teil des Gebäudes. Der östliche Teil wurde völlig umgebaut. 6 Steinsäulen der Freitreppe tragen jetzt einen angebauten Holzschuppen. Der Schloßsee ist zur Wiese umgewandelt. Der Schloßgarten, der äußerlich noch ein Ganzes bildet, gehört zur Hälfte Gottlieb Frank, die andere Hälfte, teilweise den Schloßbesitzerinnen, Metzger Hiller, Schäfer Holderle, Jakob Kußmaul. Die übrigen Schloßgüter sind ebenfalls zerstückelt.”11



Hans Burkhard von Anweil (um 1531-1593) beauftragte Heinrich Schickardt, in Mötzingen ein neues Schloss zu planen. Portrait von H. U. Alt im Württ. Landesmuseum in Stuttgart. (Foto: Wikimedia Commons/Public domain)

Der Niedergang des Mötzinger Schlosses hatte also schon lange vor dem 2. Weltkrieg eingesetzt. So gesehen waren die Zerstörungen im Jahre 1945 nur das i-Tüpfelchen in einem langen, schleichenden Prozess. Allerdings war der Verlust an Bausubstanz im zweiten Weltkrieg so massiv, dass an eine Wiederherstellung in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht mehr zu denken war. Umso spannender wäre es, den nach wie vor unbefriedigenden baulichen Zustand des Gebäudes in Zukunft weiter zu entwickeln. Der Ort besitzt ein großes historisches Potential, das auszuschöpfen sich für die Zukunft der Gemeinde sicher lohnt – auch unter Anwendung moderner baulicher Mittel und Formen. In Mauren kann man sich mittlerweile ansehen, wie man so etwas machen kann.



Nordwestseite des heutigen Mötzinger Schlosses mit der 2012 eingeweihten Ortsbibliothek. (Foto: Susanne Kittelberger)

Links und Literatur

Renate Brixner/Siegfried Bertsch/Thomas Sprißler: Mötzinger Bilderbogen. Hrsg.: Gemeinde Mötzingen, Horb a.N. 1998.

Roman Janssen: St. Mauritius in Mötzingen bis zur Reformation. In: Evangelische Mauritius-Kirche in Mötzingen – 1792-1992, Mötzingen 1992

Ehrenfried Kluckert: Heinrich Schickhardt – Architekt und Ingenieur. Eine Monographie. Herrenberg 1992.

Julius Rieger: Beiträge zur Ortschronik von Mötzingen, Tübingen 1913. Neu aufgelegt in: Mötzinger Chronik, hrsg. im Jubiläumsjahr 1995 zur 900-Jahr-Feier von der Gemeinde Mötzingen, Horb am Neckar 1995.

Adolf Schahl: Heinrich Schickhardt – Leben und Werk. Vortrag zu seinem 400. Geburtstag am 5. Februar 1958 gehalten in Herrenberg und Sindelfingen. Sonderdruck von „Aus Schönbuch und Gäu“ – Heimatbeilage zum Böblinger Boten.

Mötzingen – Historische Ortskernanalyse zur Ortkernsanierung.  Internet-Eintrag des Referats Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Stuttgart

Schloss Mötzingen – Datenbank Bauforschung/Restaurierung des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg

Wikipedia -Eintrag zu Hans Burkhard von Anweil

Wikipedia Eintrag zu Graf Philipp Christian Friedrich Freiherr von Normann-Ehrenfels 

Dausacker/Wohlfahrt – Bürogemeinschaft Freier Architekten, Nagold: Pläne zum Umbau des Alten Schlosses in Mötzingen

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Referenz

Referenz
1 Renate Brixner, Siegfried Bertsch, Thomas Sprissler: Mötzinger Bilderbogen, Hrsg.: Gemeinde Mötzingen, Horb am Neckar, 1998, S. 95.
2 Heinrich Schickhardt, Inventarbuch, Cod.Hist.fol.562, Württembergische Landesbibliothek: „Metzingen im Gay. Auff des edlen und vesten Hans Burkhardt von Anweil, fürstl. württ. Hofrichter und Obervogt zu Herrenberg ginstiges Begehren hab ich ohngever anno 1580 zu gedachtem Schloß, wie das von Grund auff new zu erbauwen, ein Abriß gemacht, ist auch gleich darauff erbaut worden.” Link zum Digitalisat: http://digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen/sammlungsliste/werksansicht/?no_cache=1&tx_dlf%5Bid%5D=5186&tx_dlf%5Bpage%5D=362.
3 Adolf Schahl, Heinrich Schickhardt – Leben und Werk. Vortrag zu seinem 400. Geburtstag am 5. Februar 1958 gehalten in Herrenberg und Sindelfingen. Sonderdruck von „Aus Schönbuch und Gäu“ – Heimatbeilage zum Böblinger Boten, S. 10.
4 Ehrenfried Kluckert, Heinrich Schickhardt – Architekt und Ingenieur. Eine Monographie. Herrenberg 1992, S. 106.
5 Siehe hierzu die Datenbank Bauforschung/Restaurierung der Landesdenkmalpflege BW – Link: http://www.bauforschung-bw.de/objekt/id/261312079133/ehem-schloss-in-71159-moetzingen/
6 Julius Rieger, Beiträge zur Ortschronik von Mötzingen, Tübingen 1913, S.10.
7 Siehe hierzu Roman Janssen, St. Mauritius in Mötzingen bis zur Reformation. In: Evangelische Mauritius-Kirche in Mötzingen. 1792-1992, Mötzingen 1992, S.22.
8 J. Rieger, a.a.O., S.15
9 R. Janssen, a.a.O., S.22
10 J. Rieger, a.a.O., S.29
11 J. Rieger, a.a.O., S.32