Grenzsteine erzählen Geschichte(n)
Die Weissacher Fischsteine
Autor: Klaus Philippscheck
Der Wald um das uralte Hofgut Bonlanden und der Ort Weissach hatten früher dem mächtigen Zisterzienserkloster Maulbronn gehört, dessen riesiges Klosterterritorium bis in unseren heutigen Kreis Böblingen hinein gereicht hatte!
Der Hof Bonlanden wurde bereits im Jahr 1156 als Besitz des Klosters Maulbronn unter dem Namen „grangia de Bonenlanden“ erwähnt. Das Kloster war selbst erst 1147 gegründet worden, dann aber durch zahlreiche Schenkungen rasant angewachsen. Bereits im 12. Jahrhundert erwarb das Kloster von den Grafen von Vaihingen und dem niederen Adel große Teile des Ortes Weissach und verdichtete in den nachfolgenden Jahren gezielt seinen Besitz. Die Weissacher Kirche St. Ulrich wurde 1361 dem Kloster inkorporiert.
Als sogenannter „Klosterflecken“ war die ganze Ortschaft dem Kloster zehntpflichtig. Und dort, wo das Kloster auch noch direkt Grundbesitzer war, wurde sein Besitz auf den Steinen mit den stolzen Abtsstäben und einem „M“ für Maulbronn gekennzeichnet. So zum Beispiel mit insgesamt 92 Steinen um den Bonlanden-Wald herum. Das Waldgebiet liegt heute hauptsächlich auf Weissacher Gebiet, aber auch auf Flachter und Heimerdinger Markung. Das Hofgut selbst ist längst verschwunden.
Mit dem Zeichen des Abtsstabs wurde auf den Grenzsteinen auch dann noch gearbeitet, als das Kloster nach der Reformation aufgelöst wurde. Denn das Territorium des Klosters blieb als württembergisches „Klosteramt Maulbronn“ weiter bestehen – und Weissach immer noch dabei und noch mit dem Abtsstab auf seinen Grenzsteinen. Erst 1806, mit der Entstehung des Königreichs Württemberg, wurden alle Klosterämter aufgelöst und die Abtsstäbe blieben auf den alten Steinen zurück. Weissach gehörte nun zum Oberamt Vaihingen.
Der Fisch auf diesem alten Grenzstein der Gemeinde Weissach verweist auf den Heiligen Ulrich, dem einst die Weissacher Pfarrkirche geweiht war. Der Ertrag dieser Waldstücke musste früher der Kirche abgeliefert werden, die wiederum selbst ab 1361 dem Kloster Maulbronn gehörte. (Foto: Klaus Philippscheck)
Verblüffend aber ist, dass einige der Steine um den Wald herum ein Fisch-Zeichen zeigen. Dies ist nicht leicht zu entschlüsseln, denn das Wissen um die alten, oft sehr komplizierten Besitz- und Steuerstrukturen ist fast vergessen. Aber wir entdecken: Unsere Fische weisen auf Waldstücke hin, deren Ertrag früher direkt der Weissacher Kirche abgeliefert werden musste, die auch dem Kloster Maulbronn gehörte. Damit wurde der sogenannte Heiligen-Kasten gefüllt, der zur Unterhaltung der Kirche und zur Bezahlung des Pfarrers diente. Und da die Weissacher Pfarrkirche eine dem Heiligen Ulrich geweihte Kirche gewesen ist, zeigen ihre Steine das Heiligensymbol des Bischofs Ulrich – einen Fisch. So entschlüsselt sich das Aussehen unserer „Fischsteine“.
Den – kleineren – Teil des Bonlanden-Walds, der nicht dem Kloster Maulbronn gehörte, sondern als Gemeindewald im Besitz der Ortschaft Weissach war, erkennt man daran, dass auf seinen Grenzsteinseiten das „Fleckenzeichen“ von Weissach, ein Tatzenkreuz zu finden ist. Weil das Kreuz ein häufiges Grenzsteinzeichen war, ergänzte man es oft mit dem Weissacher „W“.
Ein wunderbarer Stein im Weissacher Wald, der Bonlanden-Stein Nummer 49, an der Grenze zu Rutesheim, zeigt sowohl ein Tatzenkreuz mit dem Weissacher „W“, den Maulbronner Abststab als auch die Rutesheimer „Rute“ auf dreien seiner Seiten.
Hoffentlich bleiben solche Steine, die so viel über unsere Vergangenheit erzählen können, noch lange erhalten.
Bonlanden-Grenzstein Nr. 49 im Weissacher Wald an der Grenze zu Rutesheim mit dem Abtsstab des Klosters Maulbronn, einem Tatzenkreuz und der Rutesheimer Rute. (Foto: Klaus Philippscheck)
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors
Der Autor, Klaus Phlippscheck, war Lehrer in Sindelfingen und gehört zu den Mitbegründern des zeitreise-BB-Projektes. Seine Interessensschwerpunkte sind die Sindelfinger Stadtgeschichte, insbesondere die Webereigeschichte, sowie die Wiederentdeckung vergessener Sindelfinger Persönlichkeiten. Daneben arbeitete er auch zur Geschichte der Mühlen und der Grenzsteine im Landkreis BB.













