Der Konflikt eskaliert
Zuletzt riet der Pfarrer wiederum zur Eigeninitiative der Mütter:
Am Freitag, den 9. Juni 1944, um halb zwölf Uhr gingen sieben Mütter ins Schulhaus und baten in allem Anstand ihn um Auskunft wegen des WAU, sie würden ihre Kinder unter keinen Umständen in einen solchen hineinlassen. 0(ber)l(ehrer) Wolf hat sie brüsk abgefertigt, er habe jetzt keine Sprechstunde und vor ihnen die Tür mit einer Wucht zugeschlagen, daß das Haus zitterte; ich habe das selbst unten in meinem Schullokal gehört. Eine Frau (Emilie Kappler) machte die Türe wieder auf, setzte ihren Fuß dazwischen und forderte ihren Buben auf, mit ihr heimzugehen. Wolf hinderte ihn daran, stalpte die Frau auf den Fuß, um die Türe frei zu bekommen und klemmte ihr beim Zuschlagen der Türe die linke Hand so hinein, daß [sie] dieselbe von der Krankenschwester verbinden lassen mußte.“
Die Protestaktion endete für die Mütter mit einer Vernehmung durch zwei Landjäger; dies habe, so der Pfarrer, am Ort eine „große Erregung“ hervorgerufen. Ob die Mütter dem Druck gewichen sind oder nun endgültig den WAU boykottierten, lässt der Pfarrer offen. Ihm selbst sei vorn Bürgermeister das Betreten des Schulgebäudes und „auf Weisung“ der Gestapo jegliche Erörterung der Vorgänge in der Kirche sowie in der Öffentlichkeit verboten worden. Ferner seien noch verschiedene Sanktionen gefolgt wie ein Verhör bei der Gestapo, die Entziehung der Genehmigung zum lehrplanmäßigen Religionsunterricht sowie eine Anklage vor dem Gaugericht.
Auswirkungen auf die Schüler
Nur andeutungsweise verraten die Quellen, welche Auswirkungen dieser Konkurrenzkampf zwischen Weltanschauungs- und Religionsunterricht auf die betroffenen Schüler und Schülerinnen hatte. Der Pfarrer spricht schon früh von „verheerenden Konsequenzen“:
Am 30. März 1941, am Tag der Konfirmation, sagte der Ortsgruppenleiter Wolf in einer öffentlichen Rede vor der Jugend bei der Aufnahme in die HJ [Hitler-Jugend] u. a. : „Es hat einer gesagt: ‚So Dich jemand schlägt auf den rechten Backen, dem biete den linken auch dar.‘ Wir sagen: ‚Dann gib ihm zwei‘.“ (…)
Mädchen der Oberklasse haben dem Ortspfarrer erklärt: „Der Wolf glaubt nicht, der Pfarrer redet im Unterricht anders als der Wolf, wem sollen wir nun glauben? Wir glauben nun auch nichts“. Mit diesem Bekenntnis, „nun auch nichts (zu) glauben“, brachten die Mädchen zunächst einmal ihre Verunsicherung und ihren Trotz über den Verlust der Eindeutigkeit zum Ausdruck. Sie wünschten klare Konturen, ein Entweder/Oder – ein dritter, eigenständiger Weg war für sie nicht denkbar.
Weshalb orientierten sie sich an der weltlich-politischen – und nicht an der kirchlichen Autorität? Dafür lassen sich viele pragmatische Gründe finden: die alltägliche Indoktrination des Lehrers, die wenig attraktive, ‚antiquierte‘ kirchliche Freizeitorganisation, das Dazugehörenwollen. So führt der Pfarrer an, dass Konfirmandinnen, die am Erntedankfest 1940 in der Kirche mit anderen Mädchen „bei einem Festlied mitgesungen“ hätten, vom Oberlehrer vor der versammelten Schulklasse gemaßregelt worden seien: Wer sich an diesem Singen beteiligt habe, sei „kein rechtes deutsches Mädchen“. Ferner ist naheliegend, dass die Aura der „Höherwertigkeit“, die Inszenierung männlicher Stärke in Uniformen und Aufmärschen zur Identifikation mit dem Oberlehrer anregte. Nicht zuletzt dürfte hier auch jene besondere „Faszination“ eine Rolle gespielt haben, die Hitler auf junge Mädchen ausübte. (…)