Schönaicher Wolfsjagd im Jahre 1845

Wenn heute im Kreis zum „Halali“ geblasen wird, dann stehen in der Regel Rotwild und Wildschweine im Visier der Jäger. Vor 160 Jahren war dies noch anders.Von 1845-1847 wurden im Oberamt Böblingen mit großem Aufwand auch mehrere Streifjagden auf Wölfe abgehalten. Mittlerweile ist der Wolf wieder nach Deutschland zurückgekehrt – auch nach Baden-Württemberg. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Bericht über die Wolfsjagd bei Schönaich neue Aktualität.

Autor: Dr. Fritz Heimberger

Ein nicht ganz alltägliches Ereignis versetzte Schönaich an einem Spätherbsttag des Jahres 1845 in einige Aufregung. Bei Holzgerlingen hatte man am Abend des 25. Oktober einen Wolf gesehen. Grund genug, dass das Oberamt in Böblingen noch am selben Tag durch eigens gesandte Boten das Schultheißenamt1 Schönaich anwies, „zu Abhaltung einer Treibjagd bis morgen früh 9 Uhr 20 Mann mit einem Obmann2 zu stellen, die sich auf dem Holzgerlinger First, auf der Straße zwischen Böblingen und Holzgerlingen, einzufinden haben.

„Die ganze Sache war „höchst pressant“. … Daher erwartete das Oberamt, „dass sich keiner der Aufgebotenen seiner Pflicht entziehen werde. Versäumnisse hätten Strafen zur Folge.“

So dringend man von Böblingen aus das Ganze betrieben hatte, so kläglich war der Erfolg. Die ausgesandte Mannschaft fand den Wolf nicht. Er war und blieb verschwunden. Das Oberamt wurde vorsichtiger. Es wies die Ortsvorsteher von Schönaich, Breitenstein und Neuweiler am 2. Dezember 1845 zwar an, „falls wieder ein Eingriff in einen Pförch geschehen oder ein Wolf gesehen worden wäre“, Revierförster und Oberamt gleich zu benachrichtigen. Es machte aber zugleich darauf aufmerksam, „dass häufig Füchse oder Hunde für Wölfe genommen worden sind und dass deshalb, wenn die Nachricht vom Erscheinen eines Wolfes dem Ortsvorstand zukommt, nicht blindlings zu glauben, sondern gehörig zu prüfen ist, da außerdem nur unnötige Kosten für die Gemeinde entständen“. Übrigens könnten sich „Schäfer … erfahrungsgemäß vor Schaden schützen, wenn sie brennende Laternen an die Pförche hängten“.

Diese Beruhigungen des Oberamts und Mahnungen vor unnötigem Aufwand fruchteten wenig. Ausgerechnet die Kostenaufstellung der Gemeindepflegrechnung sagt uns, dass schon am 20. Januar 1846 die nächste Jagd stattfand. Mit eben demselben Erfolg wie die frühere. Doch man ließ sich nicht entmutigen, der Wolf sorgte für weitere Abwechslung.




Der letzte Wolf von Württemberg wurde 1847 bei Cleebronn getötet. Noch heute steht er ausgestopft im Stuttgarter Naturkundemuseum (Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart)

Am 26. August 1846 wurde dem kgl. Revierförster in Böblingen, Knecht, vom Oberamt mitgeteilt, der Wolf sei in einen Schönaich Schafpferch eingebrochen. Man wollte den Übeltäter diesmal auf frischer Tat ertappen. Deshalb ließ Knecht noch in der Nacht vom 26. auf den 27. August dem Schönaicher Schultheißen Roller mitteilen, er möge „die Bestellung treffen ….., dass mich der kgl. Waldschütze Erbe mit etwa 4 bis 5 Mann heute morgen, frühe um 6 Uhr auf dem Schönaicher First oben erwarte.“ (…)

Man sandte noch in der Nacht von Schönaich nach Böblingen zwei Boten und dort langte die Antwort „per Expressen“ nachts ½ 1 Uhr an. Man schickte „6 Mann zum Streifen ½ Tag“ aus. Doch der Erfolg ließ auf sich warten.

Für diese drei Jagden musste die Gemeinde „dem Reichert, Lauxmann, Striker, und Consorten, von hier“ 18 fl. 9 Kr.3 bezahlen. Ferner hatte Ochsenwirt Gemeinderat Schimpf für die Jagd vom Oktober 1845 2 fl. 24 Kr. gut.

Kein Vierteljahr verging, da wollte Revierförster Knecht wiederum, „weil der Wolf …. verspührt worden seyn soll“, „morgenden Donnerstag in den Waldungen bey Schönaich auf denselben Jagd machen lassen“. Schönaich sollte dafür sorgen, „dass sich 1 Obmann in der Person des Waldmeisters Rebmann, 2 Gemeindewaldschützen, 25 Mann tüchtige Jagensleute … Donnerstag, den 12ten diß, Vormittags präziiß 9 Uhr auf dem Schönaicher Fürst, auf der Straß, einfinden“. Diesmal hatte Knecht gebeten, „zu den Treibern keine unkundige Leute zu bestellen, weil solche dem Zweck mehr schaden als nützen“.

Selbst dieser ausgesuchten Mannschaft blieb jeder Erfolg versagt. Aber die Gemeinde hatte wiederum zu bezahlen. (…)

Damit endete die Schönaicher Wolfsjagd der Jahre 1845 und 1846 wie das Hornberger Schießen. Es wäre jedoch falsch, alles auf Kosten der Einbildungskraft der Schönaicher zu setzen. Die schwäbischen Zeitungen der Zeit sind voll von Berichten über die Untaten eines überall umherstreifenden Wolfes (oder waren es mehrere?)




Wölfe brechen in einen Schafspferch ein. Holzschnitt aus: J. v. Fouilloux, New Jägerbuch, Strassburg, 1590.

Die letzten Wölfe im Kreis


Rotkäppchen und der Wolf (Aus: Württembergisches Sprachbüchlein, 1904)

Es war im Jahr 1847, als im alten Oberamt Böblingen mehrere Streifjagden auf Wölfe abgehalten wurden. Dabei gingen Schützen und Treiber in einer Linie vor und bildeten auf diese Weise eine breite Front; auch Hunde wurden vermutlich mitgeführt. Es müssen die letzten Wölfe in unserer Gegend gewesen sein. Denn Wölfe als Standwild1* waren in ganz Württemberg bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts verschwunden. Danach wurden nur noch selten einzelne Wölfe gemeldet. Als der letzte Wolf in Württemberg gilt bis heute jener aus dem Zabergäu, der 1847 bei Cleebronn oder Bönnigheim erlegt wurde.

Ob die Wolfsjagd im Oberamt Böblingen erfolgreich verlief, lassen die Akten offen; ebenso den Grund für eine solch systematische Bejagung. War es ein Übergriff auf eine Schafherde? Oder spielten auch furchterregende Geschichten von „gefährlichen Räubern“ und „scheußlichen Ungeheuern“ eine Rolle, wie sie sich in ganz Deutschland um die letzten Wölfe rankten?

Kein anderes Tier hat die Phantasie der Menschen derart beschäftigt wie der Wolf. So existieren über ihn auch unzählige Mythen, Legenden und Märchen in aller Herren Länder. Je nach Kultur und Zeit tritt er in ganz unterschiedlichen Charakterisierungen und Rollen auf: Als Verkörperung des Bösen in der Bibel, aber auch als lebensspendende, säugende Wolfsmutter in der Sage von Romulus und Remus, als menschenfressende Bestie im Grimmschen Märchen Rotkäppchen, aber auch als ‚großer Pfadfinder‘ und Lehrer bei den Indianern Nordamerikas. Immer spiegelt sich darin auch das Verhältnis der Menschen zur Natur wider.

Autorin: Dr. Helga Hager

Erstveröffentlichung: Aus Schönbuch und Gäu. Beilage des Böblinger Boten, 1/1964

Der Text wurde gekürzt.

Mit freundlicher Genehmigung von Familie Heimberger und des Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu e. V.

Literaturhinweise:
Dieter Röckel
Die abenteuerliche Geschichte des letzten Wolfs im Odenwald& Letzte Wölfe in Deutschlands Regionen
Rhein-Neckar-Zeitung GmbH, Heidelberg
ISBN 3-929295-53-9
2. Auflage 2000, 127 Seiten, mit zahlreichen s/w-Abbildungen, Farbfotos und Karten, Hardcover gebunden

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Referenz

Referenz
1 Schultheiß = Orts-, Gemeindevorsteher
2 Obmann = allgemein mit Aufsichtsfunktionen betraute Person, Vorgesetzter eines Gremiums, Vertreter der Obrigkeit, auch Mitglied des Gemeindevorstands
3 1 Gulden (fl) = 60 Kreuzer (kr). Nach der Währungsumstellung entsprach 1 Gulden ca. 1,71 Mark. Legt man für eine grobe Währungsumrechnung bestimmte aktuelle Lebensmittelpreise zugrunde, dürfte ein Kreuzer etwa den Gegenwert von 0,80 € gehabt haben. Die Guldenwährung im süddeutschen Raum bestand von ca. 1550 – 1875.