Aufstand gegen die Baupläne von Landoberbauinspektor Groß
Nach langjähriger Planungsphase konnte es nun endlich losgehen. Doch die Dinge nahmen einen höchst erstaunlichen Lauf, denn nun – so Roman Janssen – verkehrten sich plötzlich die Rollen. „Jetzt wollte die Gemeinde keine neue Kirche, jedenfalls nicht die von Groß geplante!“
Plötzlich gab es im Dorf allerlei fadenscheinige Einwände gegen das Bauvorhaben, die kurz vor Weihnachten 1891 in einem „skandalösen Aufstand“ gegen das Projekt gipfelten. Der Oberamtmann in Herrenberg erhielt die Anweisung, den „Tumult“ zu untersuchen. Um ausfindig zu machen, weshalb sich die Bürger den Groß’schen Bauplänen so heftig widersetzten, wurde sogar ein „Kunstverständiger“ hinzugezogen. Danach ging es dann freilich ganz schnell und „nach Jahresfrist stand die neue Kirche“.
Auch Roman Janssen ging der Frage nach, weshalb die Mötzinger Kirchengemeinde die Baupläne des Landoberbauinspektors damals so strikt ablehnte. Er verwies dabei auf die Herrenberger Oberamtsbeschreibung von 1855, die befand, die Ortskirche sei in einem „nicht kirchlichen Styl“ erbaut und habe „nichts bemerkenswertes“. Julius Rieder fällte 1913 in seinen Beiträgen zur Ortschronik von Mötzingen ein ähnliches Urteil.
Auch wenn wir 150 Jahre später wieder anders urteilen, so fällt der schematische Charakter vieler Kirchenbauten dieser Zeit durchaus ins Auge. Der vielbeschäftigte Groß hatte damals sicher weder Zeit noch den Anspruch, besonders individuelle Lösungen zu präsentieren. Gerade dieser Hang zum Schematismus ist es, der Groß heute als typischen Vertreter absolutistischer Architektur und Stadtbaukunst erscheinen lässt. Nicht nur in der Stadtplanung, – man denke nur an seinen Rasterplan zum Wiederaufbau von Gültstein nach dem großen Brand von 1784 – , auch in der Architektur war eine gewisse Einheitlichkeit im Aussehen der Gebäude ausdrücklich erwünscht und wurde durch die Bauvorschriften Herzog Karl Eugens bewusst herbeigeführt.
Was damals im Falle Mötzingens den Unmut der Bevölkerung ausgelöste, hatte vermutlich jedoch andere Gründe. War es, wie Roman Janssen mutmaßte, dass Groß bei seiner Planung vom Grundriss der alten Kirche in einigen entscheidenden Punkten abwich?Tatsächlich hob er die traditionelle West-Ost-Orientierung des Schiffs auf und richtete seine Kirche stattdessen mit der Längsseite an der Straßenflucht aus. Auch im Innen löste er die Längsausrichtung auf und er konzipierte den Raum als querrechteckigen Predigtsaal.
Auch heute fällt es gelegentlich schwer, sich von alten Traditionen zu verabschieden. Janssens Einwand, dass die Stuttgarter Schlosskirche, als erster in Württemberg erbauter evangelischer Kirchenbau, die charakteristische Querorientierung bereits im 16. Jahrhundert einführte, hat die Mötzinger Kritiker damals vermutlich wenig beeindruckt. Mittlerweile haben sie ihre Kirche trotzdem liebgewonnen und empfinden sie als Wahrzeichen ihrer Gemeinde. Zusammen mit dem ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammenden Pfarrhaus, der Scheuer, dem großen Garten und dem alten Waschhaus findet sich nun in Mötzingen das schöne Beispiel eines „altwürttembergischen Ensembles“wie es nicht mehr allzu oft im Lande zu finden ist.