Fuhrmänner wie Ferdinand Ruckablerle waren Weiler Originale
Rauhborstige Gesellen
Ein hagebuchen Volk, grob und halbwild. Kein Wunder also, wenn früher der Wanderer einen Bogen um Weil schlug, seine Einkehr bei dem behäbigen Wirt auf dem Schaichhof, bei der Madelesbas in Dettenhausen oder am geschnitzten Tisch in Waldenbuch hielt, und wenn er dabei einen Fuhrmann fluchen oder ein paar seßhafte Zecher wettern hörte, sich dachte: Natürlich, Weilemer!
(Pfarrer Schimpf in seinen 1916 verfassten Erinnerungen)
„D’r Ferde“ – Weilemer Original mit Herz
Einer dieser rauhborstigen, aber trotz allem herzensguten Holzfuhrleute war Ferdinand Ruckaberle (1886—1956) weithin nur als der »Ferde« von Weil bekannt. Eine besondere Freude hatte er an Kindern. Beim Schulbäck kaufte er hin und wieder eine große Anzahl Brezeln, die er, an einer Schnur aufgereiht, unter den Schulkindern verteilte.
Er war artververwandt mit den Tübinger »Gogen«. Die alten geschichtlichen Beziehungen zwischen Tübingen und Weil im Schönbuch sprechen dafür, aber auch die Tatsache, daß sein Großvater noch Wengerter war. Er war ein Weilemer »Gog« auf der anderen Seite des Schönbuchs.
In Tübingen war er zu Hause, wenn er mit seinen Namensvettern im Gasthaus König oder im Herzog Christoph in gemütlicher Runde beim Viertele saß. Seine knitzen und schlagfertigen Sprüche waren bekannt. Manche wurden ihm auch unterstellt, vor allem, wenn man sich in gewissen Situationen auf den »Ferde« berufen konnte.
Er kümmerte sich wenig um den bereits am 30. September 1809 im »Königlich-Württembergischen Staats- und Regierungs-Blatt« veröffentlichten Erlaß, in dem das leichtsinnige Fahren der Fuhrleute schon scharf gerügt wurde:
Fuhrleute aus Weil im Schönbuch. Ferdinand „Ferde“ Ruckaberle und Bruder Ernst (Foto aus Walter Hahn: Heimatbuch Weil im Schönbuch, Weil i. Sch. 1988, S.169)
Da die Fuhrleute im Fahren vielfältig großen Leichtsinn dadurch beweisen, daß sie kein Leitseil führen und öfters in der Trunkenheit sich auf den Wagen stellen, oder setzen, und solchergestalt die Pferde sich selbst überlassen, hierdurch aber nicht nur die ihnen entgegenkommenden Fuhrwerke, sondern auch Fußgehende nicht geringer Gefahr ausgesetzt werden, so wird hiermit verordnet: Daß kein Fuhrmann seine Pferde verlassen, oder ohne Leitseil sich auf seinen Wagen stellen, oder setzen solle, widrigenfalls derselbe, wenn gleich kein Schaden dadurch geschehen wäre, wegen seines gefährlichen Leichtsinns um einen kleinen Frevel, auf den Fall aber, daß sich ein Unglück dadurch ereignet hätte, nach Gestalt der Sache neben dem Ersatz aller Kosten noch härter gestraft werden solle.“
Mit seinem Schwiegersohn Eugen Kienzle als treuem Begleiter war der Ferde mit Langholz in Tübingen unterwegs. Als er mit seinem Wagen in eine Gasse einbog, schwenkten die Stämme auf den Gehweg aus und streiften einen Landgerichtsrat, der leicht verletzt wurde. Dieser beschwerte sich beim Ferde, der ihn darauf grob beleidigte. „Du Saudackel, koscht du et besser ufpassa, du sischt doch, daß i Langholz glade hao.“ Dem Weiler Bürgermeister lag einige Zeit später ein Beschwerdebrief auf dem Tisch. Der Ferde wurde vorgeladen und gab auf die ernste Ermahnung zur Antwort: „Dia en Tübenga könnet mie siade und brote ond am Arsch lecka, i woaß vo nix.“
Holzfuhrleute aus Weil im Schönbuch im Jahre 1925. (Gemeindearchiv Weil im Schönbuch)
Am 30. April 1933 mußte der Ferde einen ganzen Wagen voll Birken zur Maifeier nach Tübingen fahren. Auf dem Heimweg wurde er von der Polizei angehalten, weil er auf der linken Straßenseite fuhr. Der Ferde ärgerte sich und schrie: „Weage oam Lomba muaß ma da halbe Wald omhaua!“ Dieser Ausspruch (er meinte Adolf Hitler) kam ihn teuer zu stehen. Er mußte dafür 300 Mark Strafe bezahlen. Der Ferde kam aus dem Gasthaus König in Tübingen. Er war auf dem Weg nach Hause. Einer seiner Sprüche lautete: „Meine Gäul lachet, wenn i vier Viertele Wei tronka hao.“ Um sich aber unbeschwert auf’s Wagenbrett setzen zu können, suchte er sich vorher noch einen Laternenpfahl, um einem dringenden Bedürfnis nachzugehen. Ein vorbeikommender Polizist unterbrach ihn: „He, Ferde, da wurd‘ et nabronzt, des woißt du doch. Sofort aufhöre und einpacke“. Der Ferde fügte sich der amtlichen Anordnung. In der Rose in Weil angekommen, erzählte er am Stammtisch, wie er den Polizisten reingelegt habe. „Wa monet’r au, wia i dea Schuiraburzler drakriagt hau? Ha, eipackt haone, aber ufghairt haune et!“ Ein andermal kam er aus dem Herzog Ulrich. Als der Ordnungshüter der Stadt Tübingen den Ferde wieder erwischte, wurde es ihm zu dumm: „Ferde, heut‘ muß ich dich um eine Mark bestrafen, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.“ Als der Ferde fertig war, zog er seinen Geldbeutel und sagte: „Do hoscht zwua, i hao au no an Furz glao.“ Der Ferde saß am 1. Mai im Gasthaus Rose. Seinen Stammplatz hatte er am runden Tisch, an der eingekerbten Fuhrmannspeitsche. Der neue Vikar betrat das Lokal, stellte sich vor und setzte sich zu ihm. Der Ferde begrüßte ihn: „Daß de’s woascht, i be d’r Ferde ond zu dir sag i glei du, au wenn du d’r Vikar bischt.“ Nach einiger Zeit wettete er mit dem etwas erschrockenen Vikar um eine Flasche Wein, wer den kürzesten Bibelspruch sagen könne. Der Vikar überlegte und antwortete dann: „Es ist vollbracht!“ – „Falsch“, sagte der Ferde. „Mich dürstet!“ (…) Der Ferde war auch derjenige, der seinerzeit in der Fuhrmanns-Raststätte Waldhorn in Bebenhausen 14 Viertele schaffte, sich dann noch auf das Wagenbrett setzte und dank seiner ortskundigen Pferde quer durch den Schönbuch, übers Tübinger Sträßle und den abschüssigen »Ebenen Rain« nach Hause zurückfand.
Beliebtes Wirthaus und Stammlokal von Ferdinand Ruckaberle: Gasthof und Metzgerei zur Rose am Marktplatz um das Jahr 1930. Die Gaststätte wurde 1960 geschlossen und abgebrochen. Daneben das Kaufhaus Wörn, die zentrale Einkaufsstätte der Weilemer. (Foto: Gemeindearchiv Weil im Schönbuch)
Erstveröffentlichung: Walter Hahn: Heimatbuch Weil im Schönbuch - Breitenstein - Neuweiler. Hrsg. von der Gemeinde Weil im Schönbuch, 1988, S. 167-170.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Weil im Schönbuch
Der Autor, Walter Hahn, stammte aus Weil im Schönbuch und war dort 27 Jahre lang Schulrektor. Als Autor und Heimatforscher macht er sich um seine Heimatgemeinde überaus verdient und wurde zum Ehrenbürger ernannt.








