Zur Geschichte der Friedhöfe in Weil im Schönbuch

„Vom Tode ereilt…“

Drei Friedhöfe gibt es heute in Weil im Schönbuch: den heutigen Friedhof im Hägnach, den „Alten Friedhof“ an der Bahnhofstraße und den historischen Kirchhof um die Martinskirche. Vom alten Kirchhof künden noch einige Grabsteine, vor allem jedoch die vielen Gedenkinschriften, die in die Werksteine am Chor der Martinskirche und in die Süd- und Ostseite des Turms eingemeißelt wurden. Gerhard Betsch hat sie für Zeitreise-BB zusammengestellt und vermittelt dabei gleichzeitig auch einen Überblick über die Weiler Friedhofsgeschichte.

Autor: Dr. Gerhard Betsch

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war es selbstverständlich, dass man die Verstorbenen direkt bei der Kirche begrub. Kirchhof und Friedhof waren identisch.

Im Falle von Weil ergab sich jedoch ein Sonderfall. Schon im frühen Mittelalter muss es hier eine Kirche oder Kapelle gegeben haben, die dem Nationalheiligen der Franken, dem Heiligen Martin von Tour (gest. 397) geweiht war. Sie stand wohl nicht am Platz der heutigen Pfarrkirche, sondern vermutlich östlich davon im alten Ortszentrum von Weil. Eine ganze Reihe von Gemeinden der Umgebung waren diesem „Kirchspiel“ zeitweise zugeordnete Filialgemeinden. Norbert Mauch nennt außer den heutigen Filialen Breitenstein und Neuweiler noch neun weitere Gemeinden: Altdorf, Dettenhausen, Neuenhaus, Pliezhausen, Rübgarten, Schönaich, Steinenbronn, Walddorf und Waldenbuch.1

Die Kirchen in den Filialgemeinden waren automatisch dem Heiligen der Hauptkirche geweiht, hatten aber in der Regel einen zusätzlichen Kirchenpatron. Zum Beispiel war die Kirche in Altdorf dem Heiligen Briccius geweiht, der ein Gefährte von St. Martin war. Später gab es dann einen Wechsel des Kirchenpatrons zu St. Blasius. Die besondere Stellung der Mittelpunktskirche in Weil im Schönbuch führte dazu, dass die Toten aus den Filialgemeinden – zumindest bis zur Reformation – ebenfalls in Weil beigesetzt wurden, was wiederum großen Platzmangel im dortigen Friedhof zur Folge hatte. Nur auf energisches Drängen der Gemeinde Weil richteten schließlich Breitenstein und Neuweiler eigene Friedhöfe um ihre Kapellen ein. 1789 fand die erste Beerdigung in Breitenstein statt, 1792 wurde der Kirchhof von Neuweiler erstmals belegt.2




Zwischen der Wehrmauer und der Kirchensüdwand befindet sich der alte Kirchhof der Gemeinde Weil. Von hier aus führt eine Treppe auf den Wehrgang. Links im Bild die alte Mauer des Pfarrhofs mit eingelassener Grabplatte. (Bild: Susanne Kittelberger)

Der alte Kirchhof von Weil

Die heutige Martinskirche in Weil im Schönbuch geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Der älteste Teil sind die unteren Geschosse des Turms. Der heutige Chor stammt aus dem 15. Jahrhundert, das Schiff von 1503.
Der Kirchhof erstreckte sich vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert auf der Süd- und Nordseite der Kirche, einige Gräber befanden sich, wie man auf der 1830 bei der Landesvermessung angefertigten Flurkarte erkennen kann, vermutlich auch östlich des Turms. Der Südteil des Friedhofs ist der heutige Kirchgarten zwischen Wehrmauer, der Ostwand des Alten Rathauses und der Südwand der Kirche. Der nördliche Teil des Friedhofs ging etwa bis zur Mitte des heutigen Marktplatzes, er wurde im Norden durch eine Mauer abgeschlossen.

Walter Hahn, Verfasser der Weiler Ortschronik, berichtet, dass im Pestjahr 1635 502 Personen in Familien- und Massengräbern beigesetzt werden mussten. „Auch in der Kirche und im Pfarrhaus wurden Verstorbene beerdigt, und der Pfarrhof war viele Jahre in das Gräberfeld mit einbezogen“. Als 1726 der Keller im Pfarrhaus erweitert wurde und man deshalb die Treppe und den Plattenboden vorübergehend entfernte, entdeckte man in 4 Schuh Tiefe (ca. 1,20 m) die Überreste eines offenbar großen Mannes.3

1750 kam der Plan eines neuen Friedhofs auf. Die Standortfrage erwies sich als schwierig. Allgemein war man der Meinung, der Friedhof solle nicht außerhalb des Orts liegen. Schließlich war es zu dieser Zeit noch üblich, die Toten bis zur Beerdigung zu Hause aufzubahren und von dort aus direkt auf den Kirchhof zu geleiten. Vermutlich um gestiegenen Hygieneansprüchen Rechnung zu tragen, erging 1808 eine königliche Verordnung, die verlangte, „künftig, so oft eine Erweiterung [eines Friedhofs] erforderlich ist, darauf Bedacht zu nehmen, daß für denselben ein schicklicher, außerhalb der Dörfer gelegener, womöglich von der Hauptstraße entfernter und etwas erhaben liegender Platz gewählt werde.“4



Ausschnitt aus dem Kartenblatt NO X 1 der 1830 bei der Landesvermessung angefertigten Flurkarte von Weil im Schönbuch. Die beiden damals existierenden Friedhöfe – der alte Kirchhof und der 1823 angelegte „Neue Friedhof“ – sind grün eingefärbt. (Bild: Landesarchiv Baden-Württemberg / Permalink)

Weils neue Friedhöfe

Ab dem 1. Januar 1823 wurde der damals „neue“ Friedhof außerhalb des Orts an der damaligen Friedhofstraße (heute Bahnhofstraße) belegt; schon drei Jahre später musste er erweitert werden. Die Grabpflege auf dem neuen Friedhof war schwierig, weil das Wasser zum Gießen von den Dorfbrunnen herangetragen oder -gefahren werden musste. Der Bau eines Pumpbrunnens auf dem Friedhof musste aus hygienischen Gründen unterbleiben. Erst mit dem Anschluss Weils an die Wasserversorgung im Jahr 1926 konnte auch eine Wasserleitung zum Friedhof verlegt werden.

Nach dem 2. Weltkrieg waren viele Heimatvertriebene unterzubringen. Insgesamt waren die Wohnverhältnisse in den Häusern beengt. Damit war es nun endgültig nicht mehr möglich, die Verstorbenen bis zur Bestattung zuhause aufzubahren. Ein kleines Leichenhaus wurde an der Nordwand des Friedhofs erbaut; es konnte am 14. Juni 1949 eingeweiht werden. Damals schaffte die Gemeinde auch ihren ersten offiziellen Leichenwagen an.

Nach verschiedenen Erweiterungen war der Friedhof 1970 in die Nähe der Häuser in der Lindenstraße gerückt. Damit war die Anlage eines neuen Friedhofs dringend geworden. Wieder war die Standortfrage schwierig. Es mussten ja außer den Boden- und Wegverhältnissen noch eine Reihe anderer Faktoren berücksichtigt werden. In einer Bürgerversammlung am 6. März 1971 haben sich die Teilnehmer „nach einer lebhaften und sachlichen Diskussion“5 eindeutig für den neuen Friedhof im Bereich Hägnach und damit gegen einen Waldfriedhof im Gemeindewald ausgesprochen. Im Juli 1973 wurde der Bebauungsplan für den Friedhof Hägnach vom Gemeinderat beschlossen. Ortsbaumeister Heinz Faulde erhielt den Auftrag, die neue Aussegnungshalle zu planen. Am 20. September 1975 konnte dann der neue Friedhof „in einer Feierstunde seiner Bestimmung übergeben werden“.6



Engelsfigur auf dem 1823 eingeweihten alten Friedhof von Weil im Schönbuch. (Bild: S. Kittelberger)

Gräber und Grabinschriften im Weiler Kirchgarten

Eine Besonderheit in Weil im Schönbuch sind die zahlreichen Gedenkinschriften, die im Kirchgarten direkt in die Werksteine am Chor der Martinskirche und in die Süd- und Ostseite des Turms eingemeißelt wurden. Vermutlich lagen die dazugehörigen Gräber direkt an der Kirchenmauer.
Im Jahre 1850 war man in Weil daran gegangen, den Bereich des heutigen Marktplatzes umzugestalten. Damals wurde neben der großen Zehntscheuer auch gleich die Friedhofsmauer mit abgerissen. Der nördliche Kirchhofbereich wurde mitsamt der alten Grabstätten abgegraben, was viele Weiler als pietätlos und frevelhaft empfanden.7

Manche der Inschriften sind mittlerweile stark verwittert und nur noch unter Mühen zu entziffern. Bis heute erinnern sie uns jedoch an Männer, Frauen und Kinder, die damals in Weil gelebt haben und nach ihrem Tode hier begraben wurden. Oftmals ist nur ein Name eingemeißelt; hin und wieder wurde auch ein frommer Spruch oder der Hinweis auf den Leichentext hinzugefügt, manchmal auch der Beruf. In einigen Fällen erfahren wir sogar etwas über die Umstände, unter denen die Menschen zu Tode gekommen sind. Einige der Namen sind bis heute in Weil verbreitet. So finden sich an der Ostwand des Turms einige kurze (Grab-)Inschriften, die alle an Mitglieder der Familie Entenmann erinnern:

Martin Entenmann / starb den 13. October / Anno 1695
Psalm 73. Herr, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde

Anna Entenmennen, Wittib / starb den 14.Martzy / Anno 1708
Psalm 4 V.9 / So fahr ich hin zu JesuChrist / mein Arm thu ich aus(s)trecken / etc.

Herr Johann Jacob Entenmann, Adlerwirt / v. hier, geb. den 26. Apr. 1683, gest. den 27. April / 1762. 70 Jahr 1 Tag alt. Leichentext / Hiob 19, 25, 26. Er ruhe in Frieden

Herr Johann Martin / Entenmann, Bürger und gewesener Waisen Richter alhier / ist gestorben den 28. (???) 1767 (1762?) / Sein Alter ist gewes. 88 Jahr. Leich text 102. Ps. 12, 13 etc.

Anna Margaretha Entenmann / ledig. Alt 58 Jahr starb 2.Dec. 1738 / T [Leichentext] Offenb. C 19 V.7 / Die Hochzeit des lammes ist kommen und sein weib hat sich bereitet.8

Anna Catharina …. geb. / Entenmaennin starb den 19. Jan / 1737. alt 60 Jahr / T. Offb…(?)

Auch Angehörige anderer Weiler Familien wurden hier begraben. Inschriften finden sich auch für

Anna Peter, Hausfrau / starb den 18. January / Anno 1708 / Waß mein Gott will das gscheh allzeit, sein Will der ist der beste

Elisabetha Barbara Wernin geb. Heimerdinger gest. 17…(?)

weiland Anna Margaretha Wernin, geborenen Wannerin, gest…. (?)



Inschrift für Johann Martin Entenmann, Bürger und Waisenrichter. Der Text lautet: „Hier ligt begraben Herr Johann Martin / Entenmann, Bürger und gewesener Waisen Richter alhier / ist gestorben den 28. (???) 1767 (1762?) / Sein Alter ist gewes. 88 Jahr. Leich text 102. Ps. 12, 13 etc.“

Auch an der Südseite finden sich einige Inschriften, die an die Toten erinnern sollten, so z.B. an „Fr. Orthin aus Dornstetten, gest. 1750“. An einem südlichen Strebepfeiler des Chors wurde eine Inschrift für ein früh verstorbenes Kind eingehauen:

Hier ruht / Joh. Ulrich Wörn / starb d. 27. Jan. 1786 / alt 1 Jar u. 6 mon.

Durch einen Rahmen besonders hervorgehoben wurde die bekannteste Inschrift an der Martinskirche. Das hochinteressante Denkmal erinnert an ein Kapitalverbrechen, bei dem der Forstknecht Heinrich Müller 1758 gewaltsam zu Tode kam.

Herr Joh. Heinrich Müller Raysiger [berittener] Forstknecht von hier wurde den 23. Mart. 1758 von 3 wild dieben aus dem Rotenburgischen gebiet tödlich verwundet und nach dem am 29. mart. Erfolgten seel. Ende hieher begraben. 40 J. alt. Leichentext 2. Sam 3, 33-34 [ „… du bist gefallen, wie man vor bösen buben fällt“].

Ob der Zusatz „aus dem Rotenburgischen gebiet“, also aus der Gegend von Rottenburg zutreffend ist, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlich sollten die Bösewichter als „katholisch“ identifiziert werden.

Schließlich findet sich an der Ostwand des alten Rathauses (ehemalige Bebenhäuser Pflege) noch eine ganz besondere, warnende Inschrift:

Gottlieb Jacob Scheuermann, geb. 1794 / Vom Tode ereilt beim Baden im hiesigen See in der Heldenzeit des Lebens den 16. Juni 1815. / Dem vorangegangenen braven Jüngling zum Andenken und andern zur Vorsicht von seinen Freunden. / Eltern: Georg Mich. Scheuermann und Margaretha geb. Löfflerin

Neben den reinen Inschriften sind auch noch einige Grabplatten erhalten. So erinnern in der Trennwand zwischen ehemaligem Waschhaus und Kirchgarten (Pfarrhofmauer) ein Stein an Hanns Jacob Bauer, „St[arb] den XXI   Xbris [Decembris] Anno 1743“ und an den Zimmermann Andreas Heess, der am „28. Aprilis Anno 1719“ verstorben ist.

An der Südseite des Chors befinden sich zwischen zwei Strebepfeilern die Grabsteine von zwei Weiler Pfarrern

  • Pfarrer M C[ristoph] E[rhard] Nastold, gest 1796“9
  • M Jacob Friedr. Holland, gest 1821 und dessen Ehefrau Friederike Dorothea geb. Denner, gest 1820

Eine besonders feine Steinmetzarbeit ist der Grabstein des offenbar bedeutenden Waldvogts Oseas Knapp (1564 -1626) an der Südwand des Kirchenschiffs. Auf dem Stein ist das Wappen wiedergegeben, das ihm und seiner Familie 1623 verliehen wurde. Und es wird erwähnt, dass er drei württembergischen Herzögen gedient habe (nämlich den Herzögen Ludwig, Friedrich und Johann Friedrich).

Übrigens stand die einzige Grabplatte, die noch an den Weiler Ortsadel („erbar Jörg geborener Herre von Weill, gestorben 1510“) erinnert, ehemals auch an der südlichen Kirchenmauer. Mittlerweile wurde sie in die Sakristei überführt.



Diese Inschrift auf dem alten Weiler Kirchhof erinnert an den 1758 von Wilderern getöteten Weiler Forstknecht Joh. Heinrich Müller. (Foto: S.Kittelberger)

Grabstätten auf dem alten Friedhof an der Bahnhofstrasse

Auch auf dem 1823 neu eingerichteten Friedhof gibt es einige bemerkenswerte Gräber.
So erinnern gleich links neben dem Haupteingang sechs bogenförmig angeordnete Steinkreuze an den Zweiten Weltkrieg und an sechs deutsche Soldaten, die bei der Besetzung Weils durch französische Truppen am 21. April 1945 fielen. Unter diesen ist ein Toter, der als „Unbekannter Unteroffizier“ ausgewiesen wird.

Auffallend ist auch eine Grabstätte, die von einer weithin sichtbaren Engelsfigur aus weißem Marmor im gefühlvollen Stil der Zeit um 1900 geschmückt wird. Hier wurden zwischen 1897 und 1958 Angehörige der Familien Preisendanz und Nestel begraben.

An der Nordwand des Friedhofs, links neben dem Leichenhaus, befindet sich die beeindruckende Ruhestätte der Familie des verdienten Forstmanns Max von Biberstein. Das Grabmal ist einem dreiflügeligen Altar ähnlich – eine breite Schrifttafel in der Mitte, flankiert von zwei schmäleren Schrifttafeln an den Seiten. Die mittlere Schrifttafel erinnert an Max von Biberstein, gest. 1913 und seine erste Frau Pauline von Biberstein geb. Feuerbach, gest 1904, sowie seine zweite Frau Marianne von Biberstein, geb. Lettenbaur, gest. 1932. Auf den seitlichen Tafeln stehen die Namen von zwei früh verstorbenen Kinder von Pauline und Max von Biberstein: Berta (1887-1888) und Hugo (1890-1892).

Das älteste und kulturgeschichtlich interessanteste Grabmal steht in der Mitte des Friedhofs, rechts neben der Hauptallee. Es ist eine monolithische Stele aus Sandstein, ca. 1,20 m hoch, die von einem kleinen Metallkreuz bekrönt wird. Auf der Seite gegen den Haupteingang wurde eine ovale Bronzeplatte aufgesetzt. Hier steht:

Michael Krebs
geb. 3 Sept. 1793
gest. 12. Aug. 1859+
Er lebte den Brüdern

Auf der nach Westen gerichteten Seite ist ein Stern eingehauen; darunter steht der Spruch: „Sie werden leuchten/ wie/ die Sterne/ immer/ und/ ewiglich. Dan. 12,3“. Die Ostseite trägt den Spruch: „Euer Leben ist verborgen; wenn aber Christus, euer Leben sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm. Kol, 3,3-4[verkürzt zitiert]“.

Michael Krebs war offenbar ein herausragendes Mitglied einer pietistischen Gruppierung am Ort, ein Mann, dem man das Charisma der Leitung und der Schriftauslegung zuschrieb. Tatsächlich zählte er in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den Gründungsmitgliedern der Hahn’schen Gemeinschaft in Weil im Schönbuch.10

Sein Grabmal erinnert bis heute daran, dass der Pietismus auch in Weil im Schönbuch eine lange Tradition besitzt.



Grabstein für Michael Krebs (1793-1859), einem wichtigen Vertreter des Pietismus, auf dem alten Friedhof  in Weil im Schönbuch. (Bild: S. Kittelberger)




Begräbniskultur im Wandel der Zeit

Allerlei Bräuche gehörten zu Tod und Begräbnis. Viele wurden aufgegeben – nur wenige sind erhalten geblieben. Lesen Sie im folgenden Abschnitt, was der Verfasser der Weiler Ortschronik, Walter Hahn, darüber zu berichten wusste.


Der nahende Tod war Anlaß für Angehörige und Verwandte, von dem Sterbenden Abschied zu nehmen. Sie sangen Sterbelieder und beteten für ihn. Sie übernahmen auch den letzten Liebesdienst für den Verstorbenen. Er wurde von ihnen gewaschen, eingekleidet und aufgebahrt und wenn der Schreiner kurz vor der Beerdigung den Sarg brachte, auch eingesargt. Die Trauergäste, zusammen mit dem Leichenchor, versammelten sich vor dem Trauerhaus. Der Totengräber war für das Traggestell zuständig, auf dem der Sarg abgestellt wurde. Schüler unter Leitung ihres Lehrers sangen ein Lied. Einer der Läutebuben, der „Melder“, stand in Sichtweite und lief nun in Richtung Kirche, um dem auf der Kirchturmtreppe stehenden Posten ein Zeichen zum Zusammenläuten zu geben. In der Glockenstube griffen die Läutebuben nun kräftig in die Seile.11

Unter dem Geläute der Glocken wurde der Tote in einem langen Zug, in einer festgelegten Reihenfolge, zum Kirchhof begleitet. Die Sargträger waren Schulkameraden, sofern sie noch tragen konnten, andernfalls junge Leute aus der Nachbarschaft oder bei den Großeltern auch die Enkel. Führte der Weg zum Friedhof an der Bahnhofstraße über den Marktplatz, dann gab man den Trägern und den Läutebuben eine Verschnaufpause. Der Sarg wurde abgestellt, die Glocken schwiegen und der Leichenchor sang noch einmal ein Lied. Am Friedhof angekommen, hatte der Melder wieder die Aufgabe, das Läuten für beendet zu erklären. Mit der Anschaffung eines Leichenwagens 1949 und dem Bau einer kleinen Leichenhalle 1947/48 änderten sich die Bräuche.

Ältere Kinder wurden wie Erwachsene beerdigt. Kinder, die in einem kleinen Sarg von einer Frau auf dem Kopf getragen werden konnten, wurden unter dem Geläut einer Glocke um 11 Uhr beerdigt.

Der Leichenzug wurde von dem Ortspolizisten angeführt. Er trug einen Tschako12 und weiße Handschuhe. Seine Aufgabe war es, auch während der Beerdigung vor dem Friedhof für Ruhe zu sorgen und vor allem die schaulustige Jugend von der Friedhofmauer im Jägerwegle zu verscheuchen. Ihm folgte der Leichenchor oder bei einem Vereinsmitglied der Gesangverein. Der Kriegerverein schloß sich an, um über dem offenen Grab einen Ehrensalut zu schießen, während die Fahne zum letzten Gruß über dem Grab geschwenkt wurde. Üblich war es auch, daß die Schulkameraden hinter dem Sarg gingen. Erst dann folgte die »Klag« und zwar zuerst die Männer, denen sich der Ortspfarrer anschloß und dann die Frauen. Den Schluß des Zuges bildeten dann die am Straßenrand wartenden übrigen Trauergäste, die dem Verstorbenen das letzte Geleit geben und den Angehörigen mit der Teilnahme an der Beerdigung ihre Verbundenheit ausdrücken wollten. (…)

Autor: Walter Hahn
Erstveröffentlichung: Heimatbuch Weil im Schönbuch/Breitenstein/Neuweiler. Hrsg.: Gemeinde Weil im Schönbuch, 1988, S. 268-270.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Weil im Schönbuch.

Veröffentlichung im August 2019 mit freundlicher Genehmigung des Autors

Der Autor, Dr. Gerhard Betsch, Akademischer Oberrat i.R., lebt und arbeitet in Weil im Schönbuch.

Literatur
Walter Hahn: Heimatbuch Weil im Schönbuch/Breitenstein/Neuweiler. Hrsg.: Gemeinde Weil im Schönbuch, 1988.
Norbert Mauch: Weil im Schönbuch/Breitenstein/Neuweiler – Kirchen/Geschichte/Kunst. G. A. Ulmer Verlag Schönaich, 1987

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Referenz

Referenz
1 Norbert Mauch, Weil im Schönbuch/Breitenstein/Neuweiler – Kirchen/Geschichte/Kunst. G. A. Ulmer Verlag Schönaich, 1987, S.119.
2 Siehe dazu Walter Hahn, Heimatbuch Weil im Schönbuch/Breitenstein/Neuweiler. Hrsg.: Gemeinde Weil im Schönbuch, 1988, S. 16.
3 Walter Hahn, Heimatbuch Weil im Schönbuch/Breitenstein/Neuweiler. Hrsg.: Gemeinde Weil im Schönbuch, 1988, S. 125.
4 Walter Hahn, a.a.O., S. 125.
5 Walter Hahn, a.a.O., S. 126
6 Der erste Mitbürger, der auf dem Friedhof Hägnach bestattet wurde, war Uhrmachermeister Ernst Lehmann. Zitat aus Walter Hahn, a.a.O., S. 126.
7 siehe hierzu Walter Hahn, a.a.O., S. 125 und Norbert Mauch, a.a.O., S. 20.
8 Sinniger Weise nimmt der Leichentext von der „Hochzeit des Lammes“ wohl Bezug auf  den Familienstand der Verstorbenen, der als „ledig“ angegeben wurde.
9 M bedeutet Magister. Es war bis weit ins 19. Jh. üblich, dass die Theologiestudenten den Magistergrad erwarben
10 Hahn, a.a.O., S. 201
11 Erst 1921 verzichtete die Kirchengemeinde auf den Leichengesang durch Schüler. Nach dem neuen Schulgesetz mußte jede durch eine Beerdigung ausfallende Unterrichtsstunde hereingeholt werden. Dies führte zu Unzuträglichkeiten zwischen Lehrer, Eltern und Schülern, besonders dann, wenn der Lehrer die Schüler zum Leichengesang aus anderen Klassen herausholen mußte. Besonderen Ärger gab es bei den Eltern, wenn ihre Leichensänger auch noch »nachsitzen« mußten.
12 Die sog. „Schackelhaube“, war von 1918 bis Mitte der 1960er-Jahre bei der deutschen Polizei in Gebrauch.